KDL-Blog

Herz, Kreislauf, Immunsystem: Kann Alkohol wirklich gesund sein?

von KDL-Blog am

3 junge Frauen sitzen um einen gedeckten Tisch, essen und trinken.

Ist ein Glas Wein pro Tag gut fürs Herz? Stärkt Alkohol sogar das Immunsystem? Immer wieder tauchen Forschungsergebnisse auf, die das nahelegen. Zu Recht?


Hier erfährst du:

  • Warum die Behauptung, Alkohol sei allgemein gut fürs Herz oder fürs Immunsystem, falsch ist.
  • Wie Studienergebnisse entstehen, die zu diesen Aussagen kommen.
  • In welchen besonderen Einzelfällen geringe Mengen Alkohol sich messbar positiv auswirken können.
  • Warum es unsinnig ist, Alkohol zu trinken, um deiner Gesundheit etwas Gutes zu tun.

Der Mythos vom gesunden Rotwein…

Du hast wahrscheinlich schon einmal gehört, dass Rotwein angeblich gut fürs Herz ist – natürlich nur, wenn man nicht zu viel davon trinkt. Das berühmte „Glas am Abend“ soll es sein, dass das Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen reduziert.


Warum gerade Rotwein? Resveratrol – einem Stoff, der in Rot-, nicht aber in Weißwein enthalten ist – wird eine positive Wirkung zugeschrieben. In unterschiedlichen Studien fanden Forscher heraus, dass Resveratrol einen Botenstoff im Körper aktiviert, der Blutgefäße vor Verkalkung schützt und so z. B. Herzinfarkte weniger wahrscheinlich macht. Daraus leiten einige Wissenschaftler ab, dass Rotwein in Maßen gut fürs Herz sein kann.

… ist bestenfalls die halbe Wahrheit

Das Problem an der Sache: Die entsprechenden Studien beziehen sich auf sogenannte In-Vitro-Versuche. „In Vitro“ bedeutet soviel wie „im Glas“ – gemeint sind Labortests, die außerhalb des menschlichen Körpers stattfinden. Und solche Versuche lassen sich nicht so einfach auf die echte Welt übertragen:

Im Tierversuch und in In-vitro-Studien kann Resveratrol Gefäßverkalkungen verhindern, aber beim Menschen fehlen robuste klinische Studien, die irgendeine präventive Wirkung belegen.

Kailash Prasad (Epidemiologe, Universität Saskatchewan, Kanada)

Versuche mit Einzelsubstanzen in der Kulturschale sagen nicht viel aus.

Prof. Dr. med. Ulrich Keil (Epidemiologe, Universität Münster)

Im Reagenzglas funktioniert’s, beim Menschen nicht

Dass Rotwein definitiv kein Gesundheits-Wundermittel ist, fanden Forscher mittlerweile in mehreren breit angelegten Versuchsreihen mit menschlichen Probanden heraus. In einer zwei Jahre dauernden Studie mit Diabetispatient*innen als Versuchsteilnehmer*innen wurde z. B. überprüft, ob gemäßigter Rotweinkonsum tatsächlich der Verkalkung von Gefäßen vorbeugt.


Das Ergebnis: Die Wissenschaftler konnten nur in wenigen Fällen einen positiven Effekt von Rotwein feststellen – und wenn, war der Effekt minimal. So minimal, dass man deswegen keineswegs pauschal behaupten kann, Rotwein sei gesund.

Wie kann es dann sein, dass es nicht nur eine, sondern viele Studien gibt, die Rotwein als „gesundes“ Getränk darstellen? Ganz einfach: Häufig kommen derartige Ergebnisse bei Forschungen zustande, die von der Weinindustrie finanziert wurden. Das ist nicht großartig überraschend, schließlich gehen z. B. Chemie- oder Tabakkonzerne oft ähnlich vor.

Aktuelle Studie: Kann Alkohol das Immunsystem stützen?

Aber nicht hinter allen Forschungsarbeiten, die positive Effekte von Alkohol entdecken, muss ein gewinnorientiertes Unternehmen stecken. Forscher der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg haben herausgefunden, dass Alkohol das Immunsystem stärken kann – allerdings nur unter besonderen Bedingungen.


Die unterstützende Wirkung hat Alkohol nämlich nur in Bezug auf bestimmte Zellen, die Autoimmunerkrankungen auslösen oder verstärken können. Vereinfacht gesagt sind das Krankheiten (wie z. B. Gelenkrheuma oder Multiple Sklerose), bei denen das Immunsystem „aus Versehen“ natürliche Mikroorganismen im Körper wie Krankheitserreger behandelt und deshalb bekämpft.

Ein Sonderfall ist nicht die Regel

Du siehst schon: Hier handelt es sich um einen echten Spezialfall. Nur Patient*innen, die an einer entsprechenden Krankheit leiden, können von dem in der Studie entdeckten Effekt profitieren. Auch diese Forschungsergebnisse sind also kein Hinweis darauf, dass es allgemein gesund ist, Alkohol zu trinken. Darauf weist auch der Leiter der Studie, Prof. Dr. Mario Zaiss hin:

Die negativen Effekte übermäßigen Alkoholkonsums sollten nichtsdestotrotz auch im Licht dieser Daten immer bedacht werden.

Prof. Dr. Mario Zeiss, Universität Erlangen-Nürnberg

Sowohl der Rotwein-Mythos als auch die aktuelle Studie der Uni Erlangen-Nürnberg zeigen: Es lohnt sich immer, bei Statements wie „Ein Glas Rotwein pro Tag ist gesund“ oder „Alkohol stärkt das Immunsystem“ genau hinzuschauen. Denn oft verbergen sich dahinter Fakten, die diese pauschalen Aussagen entweder deutlich einschränken oder sogar ganz widerlegen.

Alkohol bleibt ungesund

Auch, wenn es wissenschaftliche Hinweise darauf gibt, dass wenig Alkohol unter speziellen Umständen positive Auswirkungen auf einzelne Aspekte der Gesundheit haben kann, gilt weiterhin: Alkohol zu trinken, ist immer mit Risiken verbunden. Dazu zählen zum Beispiel:

Du siehst schon: Alkohol bringt viel mehr negative Auswirkungen und Risiken als vereinzelte positive Nebeneffekte mit. Und die positiven Nebeneffekte, die es tatsächlich gibt, treffen höchstwahrscheinlich nicht einmal auf dich zu.

Alkohol zu trinken, um etwas für deine Gesundheit zu tun, ist also ungefähr so sinnvoll, wie ins Wasser zu springen, um trocken zu werden: überhaupt nicht.


So etwas wie „gesunden Alkoholkonsum“ gibt es nicht, auch wenn manche Mythen und Schlagzeilen es auf den ersten Blick so aussehen lassen. Es lohnt sich deshalb immer, im Limit zu bleiben und so die Risiken soweit möglich zu reduzieren. Das gilt ganz besonders jetzt: Gegen Langeweile oder Einsamkeit in Zeiten von Corona ist Alkohol keine Hilfe und schon gar kein Gegenmittel für das Virus – genauso wenig wie für jedes andere Problem.

Überrascht es dich, dass Rotwein doch nicht so gut fürs Herz ist, wie oft behauptet wird?  Lass uns einen Kommentar da oder schreib uns auf Instagram!


Zum Nachlesen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.