Charlotte G.

Deutschland = Alkohol-Land?!

von Charlotte G. am

Deutschland – ein Alkohol-Land? Wohl mehr als nur ein blödes Wortspiel: Ein Feierabendbier gehört für viele bei uns nach der Arbeit einfach dazu – und wer auf dem Land groß wird, der weiß, wie so manches Volksfest auch schon mal eskalieren kann. 😉

Deutschland ohne seine heißgeliebten Traditionsgetränke ist für viele wie Meer ohne Strand: Einfach unvorstellbar.

Ich wollte daher wissen, wie Menschen unseren Umgang mit Alkohol sehen, die gerade erst zu uns gekommen sind.

Deshalb habe ich mich vor Kurzem mit Suaheli (18) aus Ghana über dieses Thema unterhalten, der Teil meiner Integrationsklasse ist, die ich in meiner Freizeit betreue.

Wie er unseren Alkoholkonsum so sieht, erfahrt ihr hier!


„Überall findet man Werbung für Bier. Das ist für mich nicht selbstverständlich.“Suaheli (18)

EIN OFFENES GEHEIMNIS

Suaheli erzählt mir von seinen ersten Eindrücken in Deutschland. Besonders aufgefallen ist ihm, dass wir mit dem Thema Alkohol sehr locker umgehen:

„Überall findet man Werbung für Bier, man kann es überall kaufen und sogar auf der Straße damit rumlaufen. Das ist für mich nicht selbstverständlich. Im islamischen Raum möchte niemand mit Alkohol gesehen werden, geschweige denn öffentlich Alkohol trinken. Auch wenn einige Muslime es trotzdem tun, würde es keiner zugeben, da der Spott der Anderen einfach zu groß wäre.“

     

ALKOHOLVERBOT IM KORAN

„Viele Muslime trinken keinen Alkohol, weil man im Rausch nicht klar denken kann,“ sagt Suaheli. Das lenke laut islamischer Lehre von Gedanken an Allah ab und die Gläubigen würden die wirklich wichtigen Dinge im Leben vernachlässigen.

In den Anfängen des Islams war es erstmal „nur“ verboten, betrunken zu beten oder unter Alkoholeinfluss in die Moschee zu gehen. Aber schon bald verbreitete sich die Meinung, dass der Schaden durch Alkohol größer sei als sein Nutzen. Schließlich wurde er dann ganz aus der Religion gestrichen.

„SO ENG SEHE ICH DAS ABER NICHT.“

Suaheli erzählt, dass er selbst das Ganze nicht so eng sieht. „Alkohol ist für uns zwar offiziell tabu, letztendlich hat aber jeder seine eigene Sicht auf das Thema“. Ähnlich wie ein Christ heute selbst entscheidet, ob er die Bibel liest oder die zehn Gebote beachtet, befolgen junge Moslems heute das Alkoholverbot des Korans – oder eben auch nicht.

Persönlich findet er Alkohol nicht so dolle, da er auf lange Sicht dem Körper schade und Suaheli niemals den Genuss über seine Gesundheit stellen möchte. Zudem glaubt Suaheli, dass Alkohol eigentlich immer nur das Schlechte im Menschen hervorruft und das kein gutes Bild bei Allah hinterlässt.

KLISCHEE BLEIBT KLISCHEE

Ich stelle immer wieder fest: Das Klischee von Deutschland als das Land von Bier und Korn zieht sich durch die ganze Welt. Und das seltsame Bild vom Deutschen als blondem Michel mit Brezel, Weißwurst und einem guten Bier hat sich auch bei meiner Integrationsklasse schnell festgesetzt.
Das ist natürlich ziemlicher Quatsch. Und es wird mich noch einiges an Schweiß kosten, um dieses Zerrbild wieder abzutrainieren … 😉

Ganz schön selbstverständlich

Ich habe aber durch meine Arbeit mit Geflüchteten gemerkt, dass wir ganz schön selbstverständlich mit dem Thema Alkohol umgehen – so selbstverständlich, dass uns gar nicht mehr auffällt, wie oft wir eigentlich damit in Berührung kommen.

Ob das gut oder schlecht ist, muss jeder natürlich für sich selbst entscheiden. Ich versuche jedenfalls nun bewusster darauf zu achten, wo mir überall Alkohol im Alltag begegnet – und was das mit mir macht.

 

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