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„Keine Nacht ist wie die andere“

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Berliner Kältebus

Unterwegs mit dem Berliner Kältebus

„Alkohol wärmt von innen“ ist ein Mythos, der im Winter echt gefährlich werden kann. In Berlin sind die Winter oft lang. Und kalt. Wenn die Temperaturen sinken, kann es lebensgefährlich werden, sich die Nacht über draußen aufzuhalten, besonders für Obdachlose: Sie leben auf der Straße und manche schätzen bei Kälte ihre Situation falsch ein – dabei spielt auch Alkohol eine zentrale Rolle. Der Berliner Kältebus ist in den Wintermonaten unterwegs, um zu helfen. Das Prinzip dahinter: Wer Obdachlose in Not sieht, kann den Kältebus rufen.

Wenn es schneit, dann kommen die meisten Anrufe. „Minusgrade und die ersten Schneeflocken – da steht die Leitung nicht mehr still“, erzählt Yannick Büchle, ehrenamtlicher Mitarbeiter der Stadtmission. Über hundert Mal hat das Handy des Berliner Kältebus in einer Winternacht neulich geklingelt, absoluter Rekord. „Ein Mensch, der auf der Straße unter einem Schneeberg liegt, ist ein drastisches Bild. Da greifen die Passanten schnell zum Handy“, erklärt Yannick. „Zum Glück.“

„Minusgrade und die ersten Schneeflocken – da steht die Leitung nicht mehr still.“

Yannick ist seit einem Jahr dabei. Einmal die Woche fährt der 22-Jährige mit einem Kollegen im Kältebus durch Berlin, von 21 Uhr bis 3 Uhr nachts. Nach einem Freiwilligen Sozialen Jahr bei der Stadtmission macht der Student nun als Ehrenamtlicher weiter. Gemeinsam mit seinen Kollegen versorgt er in kalten Winternächten Obdachlose mit warmen Getränken, Isomatten und Schlafsäcken.

Hilfe vom Berliner Kältebus-Team

Alkohol wärmt? Von wegen!

Besonders wichtig ist es, mit den Menschen persönlich ins Gespräch zu kommen. So können die Mitarbeiter des Kältebus-Teams abschätzen, wie es den Obdachlosen geht und ob sie in eine warme Notunterkunft gebracht werden müssen. Das ist nicht immer einfach. „Einige sind nicht mehr Herr ihrer Sinne, weil sie zu viel Alkohol konsumiert haben“, sagt Yannick. „Manche können gar nicht mehr sprechen.“

„Fast jeder Zweite, auf den wir treffen, ist alkoholkrank.“

Viele Obdachlose sind alkoholabhängig.„Fast jeder Zweite, auf den wir treffen, ist alkoholkrank“, erzählt Yannick. Im Winter ist das besonders gefährlich, weil man betrunken seinen Zustand nicht mehr richtig einschätzen kann, das Kälteempfinden ist beeinträchtigt: „Viele denken, dass der Alkohol von innen wärmt. Das ist aber falsch. Der Körper kühlt bei Minusgraden aus und die Betroffenen merken es nicht.“

Berliner KaeltebusNeue Begegnungen, jede Nacht

Manche weigern sich außerdem, in eine warme Notunterkunft mitzukommen, weil sie dort die ganze Nacht auf Alkohol verzichten müssten – in den meisten Unterkünften herrscht striktes Alkoholverbot. Es liegt an den Kältebus-Mitarbeitern, Situationen richtig einzuschätzen. Niemand wird gegen seinen Willen in eine Notunterkunft gebracht. Bei akuter gesundheitlicher Gefahr, wenn Unterkühlung oder im schlimmsten Fall der Kältetod droht, muss das Team allerdings handeln. „Dann müssen wir sehen: Überzeugen wir den Menschen, dass er mitkommt? Oder wählen wir selber den Notruf 112?“

Meist melden Passanten hilflose Obdachlose, im Durchschnitt sind es rund 30 Anrufe pro Nacht. Der Kältebus fährt zwar einschlägige Orte wie den Bahnhof Zoo oder den Alexanderplatz ab, eine feste Route gibt es jedoch nicht. „Keine Nacht ist wie die andere“, so Yannick. „Immer wieder begegnen uns neue Menschen.“ Viele Obdachlose sind dem Team aber auch bekannt, und so richtet sich manche Route nach ihrem momentanen Aufenthaltsort.

Alkohol kann viel kaputt machen

Dank der persönlichen Begegnungen fassen manche Menschen sogar langsam Vertrauen zu den Mitarbeitern des Kältebus. „Wir fragen sie, wie es ihnen geht oder ob wir etwas für sie tun können“, erzählt Yannick. Obdachlose werden auf der Straße häufig schlecht behandelt, oft verjagt. „Wir versuchen, für sie da zu sein und ihnen zuzuhören.“ So kann sich über die Jahre auch eine Beziehung entwickeln. „Ein Ehepaar, das wir immer am gleichen Ort besuchten, ist nach acht Jahren endlich mit uns mitgekommen. Heute wohnen die beiden im betreuten Wohnen. Hier hat sich unser jahrelanger Einsatz ausgezahlt. Doch es braucht viel Zeit.“

„Es ist nicht so, dass ich keinen Tropfen Alkohol mehr trinke. Aber es stimmt mich nachdenklich.“

Manche Schicksale gehen Yannick sehr nahe. Einige Obdachlose hat der Student deshalb auch schon tagsüber besucht. „Wenn ich nur ein Fünkchen Hoffnung weitergeben kann, dann hat sich meine Arbeit gelohnt“, sagt Yannick. Sein Blick auf Obdachlose hat sich grundlegend geändert – und auch seine Einstellung gegenüber Alkohol: „Es ist nicht so, dass ich keinen Tropfen Alkohol mehr trinke. Aber es stimmt mich nachdenklich. Denn ich sehe einfach, was Alkohol alles kaputt machen kann.“

Der Kältebus...

…wurde 1994 von der Berliner Stadtmission gegründet, nachdem im Winter ein Obdachloser auf Berlins Straßen erfroren war. Von November bis März fahren jede Nacht zwei Kältebusse durch die Stadt. Das Team versorgt Bedürftige mit warmen Getränken, Isomatten und Schlafsäcken.
Die Nummer des Berliner Kältebus: (0178) 523 58-38 

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