Anni Rosvally

„Komm, Schluss mit Lernen, gehen wir was trinken!“

von Anni Rosvally am

Ein weit verbreitetes Vorurteil ist: Studenten sind zu faul zum Arbeiten und immer auf Partys.

Was ist da dran, habe ich mich gefragt. Verlieren Studierende wirklich ihr Studium aus dem Blick, weil sie nur mit Feiern beschäftigt sind? Sind gerade Erstsemester in einer verzwickten Situation, weil sie sich keine Party entgehen lassen möchten? Wird Lernen dadurch zweitrangig? Trinken alle Studis mehr in Stresssituationen? Dazu habe ich mich  mit Studierenden und einer Angestellten der RWTH (Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule) Aachen unterhalten.

„Wenn wir wirklich faul wären, würden wir nicht studieren.“
Anne (22), viertes Semester

Anne erzählt mir, dass sie sehr wenig Zeit mit Freunden verbringt. Das Studium nimmt sie komplett ein. „Jura ist mein absoluter Traum! Aber ich verbringe die meiste Zeit mit Lernen. Würde ich nicht ab und an Feiern gehen, käme ich gar nicht mehr raus. Wenn wir dann zusammen sind, wollen wir halt auch Spaß haben. Ich habe eh schon viel zu viel Ernsthaftigkeit in meinem Leben seit Studienbeginn“, erklärt sie. Ich frage Anne, ob Alkohol denn immer dazu gehört. „Ja, schon. Klar könnte ich es auch mit weniger Trinken und mehr Spaß ohne Alkohol versuchen“, lacht sie.

Mittags um eins das erste Bier? Das ist neu.

„Früher haben wir nie so große Probleme am Campus gehabt. Aber Zoff und Fehlverhalten bleibt nicht aus, wenn die schon um 13 Uhr mit dem ersten Bier anfangen!“, sagt Frau G., die seit über 20 Jahren an der RWTH arbeitet. Sie spricht von den Ersti-Wochen und den Studierenden an der RWTH. „Ich weiß nicht warum, aber die Studierenden vor 15 Jahren waren anders.“

Deutlich mehr Studierende würden auch nicht mehr nur „etwas“ trinken, sondern betrunken über den Campus laufen. Ihrer Ansicht nach trinken Studis heute deutlich mehr als vor 15 Jahren. „Ein bisschen Alkohol ist ja nicht verwerflich. Aber es wird übertrieben! Braucht man denn einen ganzen Kasten für zwei Personen?“ Zu den Ersti-Wochen würden die Studierenden ganze Bierkästen mitbringen. Dabei ist es doch schwierig, Leute kennenzulernen, wenn man lallt. Und Spaß geht auch anders. Also, wieso trinkt man dann überhaupt?

Alkohol und Studium„So ein kühles Bier ist halt was Feines. Und ich habe so meine besten Kumpels an der Uni kennengelernt!“ Christoph (23)

Die Geschichte mit Chris und seinen Freunden Max und Berkin beginnt wie wohl viele Uni-Freundschaften: Sie waren mit ihren jeweiligen Fachschaften auf Kneipentour. Dabei rempelte Chris später Max aus Versehen an. Statt Stress entstand aber Freundschaft. Berkin hat schon oft erlebt, wie reizbar viele unter Alkoholeinfluss werden und dass es auch zu Schlägereien kommt. „Ich trinke mittlerweile weniger, wenn wir Feiern gehen. Lieber gönne ich mir ein, zwei Bier nach dem Lernen“ erläutert mir der 24-Jährige Romanistik- und Geschichtsstudent. „Denn ein Bier bringt mich runter und entspannt mich. Ich trinke aber nie alleine.“ Meistens geht er mit seinen Lerngruppen noch gemeinsam ein Bier trinken. „Das bringt uns auch zusammen. Wahrscheinlich, weil man dann offener über alles spricht und ein Gefühl der Gemeinsamkeit entsteht.“

„Ich zog fast jeden Abend alleine los. Trinken gab mir das Gefühl, stärker zu sein und die Situation eher zu packen.“ Max (23)

Ganz anders bei Max: Er erzählt sehr ehrlich, wie sehr er unter dem Druck und seiner Unzufriedenheit wegen seiner Studienwahl litt. Seine Stärken und Interessen passten einfach nicht zum gewählten Fach. Das musste er sich erstmal eingestehen. Mittlerweile ist er sich sicher, dass es nicht so weit gekommen wäre, wenn er früher den Studiengang gewechselt hätte. „Ich habe gemerkt, dass man Stress mit Alkohol nicht weg kriegt, man verschlimmert es eher noch.“

„Meine Prüfungsangst wollte ich in Alkohol ertränken.“
Elvira (26), ehemalige Geschichts- und Literaturstudentin

Der Höhepunkt war im 4. Semester. „Ich ging super viel aus, traf Freunde. Heute ist mir klar, dass ich das zur Ablenkung gemacht habe.“ Elvira war damals nicht bewusst, dass sie unter Prüfungsangst litt. Immer, wenn sie eigentlich hätte lernen sollen, überkam sie die Feierlust. Elvira holte sich Hilfe, zuerst an der Uni, dann von außerhalb. „Vielen geht es wie mir: sie merken es selbst nicht. Dann brechen sie ihr Studium ab, weil sie sich überfordert fühlen. Dabei ist es oft nur die Prüfungsangst.“ Sie hat für sich erkannt, dass es ernst wird, wenn man mit Alkohol versucht, Problemen aus dem Weg zu gehen.

„Studentenleben ist nicht gleich „Studentenleben“. Der eine geht um 8 in die Bib, der nächste feiert bis 6, schläft bis 12 und geht dafür abends in die Bib – oder gar nicht.“ Wiebke, 24 Jahre, Masterstudentin Rehabilitationswissenschaft, Uni Köln.

Wiebke trinkt keinen Alkohol. Warum? Freunde findet man nicht durch Alkohol und gemeinsames Trinken, „sondern durch gemeinsame Interessen“. Wie über Studierende gesprochen wird, sei ein Pauschalurteil, so ihre Meinung. Erstsemester sollen feiern gehen, auch trinken, wenn sie dazu gehören möchten. Menschen wirklich kennenlernen funktioniert aber nicht übers gemeinsame Trinken. „Der einzige Mensch, dem ich gefallen muss, bin ich selbst.“ Das zu kapieren und anzunehmen, wünscht sie allen Studienanfängern.

Und ich?

Ich kann nur sagen, dass niemand sich denen anschließen muss, die oft feiern und trinken, wenn er lieber zuhause ein Buch liest oder tatsächlich lernen möchte. Denn das ist ok! Ebenso wie es ok ist, wenn jemand viel feiern geht.

Und die Hauptsache ist doch, dass man Freunde findet und glücklich ist, sich wohlfühlt und eine schöne Zeit hat! Alkohol gegen Frust einsetzen geht halt einfach nach hinten los. Das ist mir bei diesen Gesprächen wieder klar geworden.

 

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