Anna

„Immer ein offenes Ohr“ – Interview mit der Suchtberatung „Projekt DRAHTSEIL“

von Anna am

Eine Beratungsstelle hilft auch weiter, wenn man sich einfach nur informieren möchte. Man muss nicht tief in der Sucht stecken, um sich Rat zu holen. Manchmal brauche ich einfach einen Hinweis oder ich sorge mich um einen Freund. Und besser man meldet sich frühzeitig, bevor es vielleicht wirklich ernst wird. Meine Ansprechpartnerin Stefanie Lacroix (28) – Mitarbeiterin bei der Suchtberatung „Projekt DRAHTSEIL“ in Leipzig – war jedenfalls super nett! Da tut das ein oder andere Pläuschchen unter vier Augen nicht weh. 😉

Stefanie, was macht eine Suchtberatung wie „Projekt DRAHTSEIL“?

Die Suchtberatung hat verschiedene Aufgaben: Einmal geht es darum, bei den Betroffenen ein gewisses Bewusstsein für das Alkoholproblem zu schaffen und sie zu motivieren, ihr Verhalten zu ändern.

Gemeinsam erarbeiten wir alternative Bewältigungsstrategien, um bei Problemen und in schwierigen Lebenslagen nicht zur Flasche zu greifen. Wir sind keine Psychologen, können aber zum Beispiel passende Entzugsstellen vermitteln.

Natürlich kümmern wir uns auch um die Nachsorge, sodass die Jugendlichen nicht rückfällig werden. Oftmals ist es entscheidend, die Angehörigen mit ins Boot zu holen und sie für das Thema Alkoholmissbrauch zu sensibilisieren. Nicht zuletzt ist die Präventionsarbeit eine der wichtigsten Aufgaben, um Sucht von Vornherein zu verhindern.

Ab wann gilt jemand als suchtkrank?

Ein Mensch ist süchtig, wenn er seinen Alltag praktisch nur auf die Substanz ausrichtet, sei es Alkohol oder andere Drogen. Frühere Interessen, Freunde und Familie treten dann immer mehr in den Hintergrund. Alkohol & Co. zeigen kaum noch die erwünschte Wirkung und die Betroffenen spüren einen immensen inneren Druck, ihre Sucht zu befriedigen. Das wird aber immer schwieriger, je mehr sie sich an die Droge gewöhnen. Wenn das nicht klappt und sie der Sucht nicht nachgehen können, zeigen sich Entzugserscheinungen.

Welche Situationen berühren dich besonders in der täglichen Arbeit?

Besonders die Schicksale von jungen Menschen, teilweise im Alter von 12 und 13 Jahren, gehen mir nahe; oder wenn ich sehe, dass sich die Alkoholproblematik durch mehrere Generationen einer Familie zieht. Schockierend ist auch, wenn wir Betroffene haben, die Alkohol als ihren einzigen Ausweg ansehen. Das kommt vor allem vor, wenn es scheinbar unlösbare Probleme im sozialen Umfeld, wie daheim, in der Schule  oder auf der Arbeit, gibt.

 

Ich habe Sorge, dass ein Freund zu viel trinkt. Auf welche Anzeichen kann ich achten?

Wenn dein Freund oder deine Freundin nach und nach das Interesse an früheren Aktivitäten verliert, nicht mehr mit euch unterwegs sein möchte, also quasi das Alltagsgeschehen vernachlässigt, ist das schon mal ein Hinweis. Süchtige tendieren dazu, Probleme kleinzureden und ihre Sucht zu leugnen. Wenn ihr sie darauf ansprecht, ob sie vielleicht ein Problem mit Alkohol haben, dann weichen sie dem Thema höchstwahrscheinlich aus.

Wie kann ich für mich selbst prüfen, ob ich suchtgefährdet bin?

Genauso wie bei anderen Leuten ist es bei dir selbst. Gibt es in deinem Leben viel Wichtigeres als den nächsten Rausch? Hast du noch die Kontrolle über Beginn, Ende und Menge deines Konsums? Wenn nicht, solltest du aufpassen.

Mit welchen Angeboten unterstützt „DRAHTSEIL“ ratsuchende Menschen?

Wenn du mit deinem Problem zu uns kommst, kannst du sicher sein, dass wir ein offenes Ohr haben. Wir zeigen dir auf, was du nun tun kannst oder an welche Ansprechpartner, Organisationen etc. du dich wenden kannst. Wir begleiten dich gegebenenfalls zu Ämtern und Institutionen und bieten auch deinen Angehörigen und Freunden Hilfe und Unterstützungsmöglichkeiten an. Der erste Schritt ist aber immer, dass man sich seine Sucht eingesteht und merkt, dass da ein Problem ist. Erst dann können wir gemeinsam an einer Lösung arbeiten.

Haben Sie Tipps für einen verantwortungsbewussten Umgang mit Alkohol?

Jeder sollte seine eigenen Spielregeln finden und dazu stehen. Niemand will euch zur Abstinenz zwingen, denn darum geht es nicht. Viel eher ist ein Bewusstsein für die Gefahren von zu viel Alkohol entscheidend.

Hier ein paar Dinge, die ich euch aus meiner täglichen Erfahrung mitgeben kann:

  1. Wenn ihr trinkt, dann trinkt aus Gläsern, nicht aus Flaschen, so trinkt ihr kleinere Dosierungen.
  2. Wartet ab, bis die Wirkung eintritt, bevor ihr noch weiter trinkt.
  3. Wenn ihr auf euren Konsum angesprochen werdet, dann nehmt das ernst!
  4. Allgemein ist es ja okay, Alkohol zu trinken, es muss nur alles in Balance bleiben. Gestaltet euren Alltag aktiv, geht euren Interessen nach und verzichtet einfach auch mal für eine Weile auf das Trinken, wenn ihr euch nicht danach fühlt.

Wie bewerten Sie den Umgang von Jugendlichen/jungen Menschen heutzutage im Allgemeinen?

Ich habe oft den Eindruck, dass junge Menschen nach dem Motto „Ganz oder gar nicht!“ trinken. Also gleich in die Vollen gehen, statt nur ein Gläschen Wein zu genießen. Viele Jugendliche kennen sich auch nicht aus oder haben nur ein gefährliches Halbwissen über Wirkung, Nebenwirkungen und Langzeitfolgen von Alkohol. Daher wird auch starker Konsum oft bagatellisiert, also als „doch gar nicht so schlimm“ angesehen.  Über das Thema ausgetauscht wird sich meistens nur im Freundeskreis  – also mit Leuten, die sich dann eher genauso wenig mit dem Thema auskennen, wie man selbst.

Vielen Dank für das Interview!  

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