Carl

Alkohol als Sünde?

von Carl am

Carl interviewt zwei muslimische Freundinnen zum Thema „Alkohol & Islam“

 

Zwischen 4,4 und 4,7 Millionen Muslime leben in Deutschland – damit bilden sie bei uns die zweitgrößte Religionsgemeinschaft neben dem Christentum. Die Frage nach kulturellen und religiösen Unterschieden zwischen den Glaubensrichtungen ist immer wieder auf der Tagesordnung – ob in den Medien, dem Wochenmarkt oder unter Freunden.

Ich habe mich gefragt: wie stehen eigentlich meine muslimischen Freunde zu Alkohol? Aylin und Fatma haben sich bereit erklärt, mir ihre Meinung zum Thema Alkohol zu erzählen und welche Rolle Religion für sie hat.

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Aylin (19)

„Selten”, antwortet Aylin auf die Frage, ob sie selbst auch Alkohol trinken würde. Allerdings würde sie das nie ihren Eltern erzählen.

„Meine Familie gehört ganz eindeutig zur mega konservativen Gruppe der Muslime in Deutschland. Alkohol zu trinken, wäre eine große Sünde für sie.” Ähnlich wie ein Freund vor der Ehe oder der Konsum von Schweinefleisch, seien Wein, Bier und Co. Grund für den ein oder anderen Familienstreit. „Wenn ich etwas gegen die religiösen Vorschriften sage, fühlen sich meine Eltern sofort persönlich angegriffen. Dabei kommt es mir doch gar nicht darauf an, viel Alkohol zu trinken. Es geht mir mehr um das Prinzip!”, betont Aylin, die sich selbst als eher moderat religiös bezeichnet.

Besonders der Vergleich mit anderen Freundinnen zeige ihr immer wieder, wie eingeschränkt sie in manchen Dingen durch ihre Eltern ist – auch wenn die es eigentlich ja gut mir ihr meinen. Zudem weiß Ali, wie sie von ihren Freunden genannt wird, natürlich über Alkohol und seine Folgen Bescheid: „Klar sind manche Essensvorschriften auch einfach gut für die Gesundheit. Allah, denn das ist der Gedanke dahinter, möchte natürlich nicht, dass sich seine kostbaren Geschöpfe selbst schädigen.”

Wohl oder übel akzeptiert sie die strengeren Regeln ihrer Eltern, um sie nicht zu ärgern und nicht zu enttäuschen. Trotzdem wünsche sie sich mehr Selbstbestimmung und weniger elterliche Bevormundung. „Man sollte den eigenen Kindern ab einem gewissen Alter zutrauen können, verantwortungsvoll mit Alkohol umgehen zu können.”

Fatma (18)
Fatmas Mutter ist wahrscheinlich das Gegenteil von Aylins Familie: liberal und  nicht so streng in der Auslegung religiöser Regeln: „Das hat aber nichts mit weniger Religiosität zu tun – meine Mutter betet regelmäßig, geht am Wochenende in die Moschee und religiöse Feste und Rituale, wie der Fastenmonat Ramadan und das darauffolgende Zuckerfest, auf das sie sich ganz besonders freut, sind ihr sehr wichtig. Das hat sich auch nach der Scheidung nicht geändert”, erzählt Fatma.

Ihr Vater hat sie und ihre Mutter verlassen, als Fatma 12 Jahre alt war: „Mein Vater war sehr religiös und konnte nicht damit umgehen, dass meine Mutter zwischendurch ein Glas Wein trank oder spät abends vom Feiern zurückkam.” Die Trennung hat Fatma aber gut überstanden. Sie genießt die liberale Erziehung ihrer Mutter in vollen Zügen.

Wie ihre Mutter geht sie gern feiern und trinkt auch gerne mal ein Glas Sekt.„Ich bin nicht sehr religiös, aber natürlich werden mich der Islam und die islamische Kultur mein Leben lang begleiten.” In der Türkei, ihrem Heimatland, lebt ein Teil ihrer Verwandten, den sie jedes Jahr im Sommer besucht. Leider habe sie aber nur Kontakt mit der Verwandtschaft ihrer Mutter. „Meine Tanten und Onkel väterlicherseits ticken so wie mein Vater – damit kann ich nichts anfangen. Ich will für einen offenen, toleranten Islam stehen.”

Die Lehre, dass man gut mit dem eigenen Körper umgehen soll, habe Fatma aber auf jeden Fall verinnerlicht. “Sowas finde ich sinnvoll. Allerdings ist das ein Verhalten, das ich von jedem erwarte – egal ob Moslem, Christ oder Atheist.”

 

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Was ich gelernt habe

Islam ist nicht gleich Islam, das haben mir die Gespräche noch einmal vor Augen geführt. Eine große Überraschung ist das natürlich nicht, denn Religion ist immer das, was von den Menschen gelebt wird. Oftmals machen Vertreter des Islams zwar deutlich, dass Alkohol „haram“, also verboten ist, und deswegen von vielen Moslems abgelehnt werden sollte. Aber die Frage, ob Muslime im Allgemeinen mehr oder weniger Alkohol trinken als andere Gläubige, ist generell nicht zu beantworten.  Das hängt letztendlich von der persönlichen Auslegung der Religion ab.

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