Anni Rosvally

„EINER GEHT NOCH!“- VON SPRÜCHEN UND GRENZEN

von Anni Rosvally am

„Du bist ja total angespannt, trink doch was mit uns, dann wirst du lockerer!“
„Du solltest was trinken, dann geht’s dir besser.“
„Ach komm, trink noch einen mit mir!“

Es wird wohl wenige Menschen geben, die solche oder ähnliche Aufforderungen noch nicht gehört haben. Alkohol scheint eine Party erst zu einer richtigen Party zu machen: die Leute wirken besser gelaunt, angeblich sind alle Sorgen vergessen, Lockerheit und Geselligkeit stellen sich ein und alle sind fröhlich und tanzen. Zumindest sieht so die Vorstellung aus. Ich habe allerdings auch diese Bilder vor Augen: Einer hängt auf der Toilette, eine andere hat ihre Trennung noch nicht verarbeitet und windet sich heulend auf dem Boden, während ein paar versuchen zu trösten. Wieder andere klammern sich lallend an einen Zaun und können sich kaum allein auf den Beinen halten. Die Party gilt am Ende aber als großer Erfolg – trotz Nachwirkungen am nächsten Morgen.

IN DEM MOMENT SIND DIE NACHTEILE VERGESSEN

Alkohol hat eine „auflockernde“ Wirkung. Man kann Schüchternheit abschütteln, andere leichter ansprechen und kennenlernen. Es fühlt sich an, als könnte man die Sorgen vergessen und einfach nur den Moment genießen: lachen, tanzen und Spaß haben. Die Nachteile blendet man aus, wenn man Sätze hört wie: „Hey, du wirkst so unentspannt, trink was mit uns und werd‘ mal lockerer!“ Würde man in dem Moment an die Kopfschmerzen und die Übelkeit denken, die man die letzten Male nach der Party so hatte…die Lust auf Alkohol würde einem eher vergehen. Stattdessen trinken wir nach solchen Aufforderungen oft erst recht übers Limit.

BIS HIERHIN UND (K)EINEN SCHRITT WEITER

Nicht nur die Grenze des Trinkens wird übrigens oft überschritten, auch die des Flirtens. Oder besser gesagt, wenn jemand nicht Flirten will. Ob auf Gartenpartys, Hauspartys, Konzerten oder in der Disco, nicht immer wird ein „Nein“ oder „kein Interesse“ einfach hingenommen. Selbst nach einer harten Abfuhr stehen einige trotzdem wieder mit Drinks da, um es nochmal zu versuchen. Und nochmal. Alkohol wird benutzt, um den anderen dazu zu bewegen „vielleicht doch Interesse“ zu haben. Ich hab das erlebt, man verliert die Kontrolle und am nächsten Tag, manchmal schon ein paar Stunden danach, kommt die Reue. Und zwar richtig heftig.

Alkohol macht uns locker – aber was gut anfängt, weil man schneller in Kontakt kommen und Spaß haben kann, schlägt manchmal ins Negative um. Grenzen werden überschritten, die eigenen und die des Gegenübers: Umarmen, an den Po fassen, anzügliche Bemerkungen („lockere Zunge“), bis hin zu körperlicher Bedrängnis.

Mein Fazit: Alkohol ist ok, aber wenn jemand Nein sagt, sollte das respektiert werden – beim Trinken und beim Flirten. Statt uns gegenseitig zum Trinken aufzufordern, sollten wir lieber besser aufeinander aufpassen. Diese ganzen Sprüche „Noch einen!“, „Na los! Einer geht noch!“, „Komm, trink mit uns!“, „Stell dich nicht so an“ setzen andere unter Druck. Bei einem Nein bleiben ist oft schwer genug, wenn man sich keine blöden Bemerkungen anhören will. Aber Spaß und einen schönen Abend haben ist doch wichtiger, als einem betrunkenen Gruppengefühl nachzugeben.

Selbstbewusst Alkohol ablehnen fällt in der Gruppe oft gar nicht so leicht. Hier findest du ein paar Tipps und Ideen, wie es leichter fällt.