Claudia

Alkoholmissbrauch in der Familie – ein Erlebnisbericht

von Claudia am| 4 Kommentare

Es ist das erste Mal, dass ich meine Gedanken zu diesem Thema niederschreibe. Zu einem eigentlich so wichtigen Thema, das in unserer Gesellschaft jedoch oftmals untergeht und nicht gern angesprochen wird. Viele wissen nicht, dass Alkohol eine Droge ist. Und wenn doch, dann wird er eher als harmlose Droge abgestempelt. Denn es ist ja „nur“ Alkohol. Dabei ist Alkohol eine der gefährlichsten Drogen, die es gibt. Sie ist überall erhältlich, zu jeder Zeit, an jedem Kiosk, in jedem Supermarkt. Meistens sogar zu einem sehr geringen Preis. Und genau diese Droge hat mir einen Menschen genommen, der mir sehr viel bedeutet hat – und es auch immer noch tut.

Anstoßen: auf das Wiedersehen, auf das Wochenende und auf jeden anderen Anlass

Seit ich klein war, sind meine Eltern und ich mehrmals im Jahr zu meinen Großeltern gefahren. Das Wiedersehen war immer schön und mit viel Freude verbunden. Freude, die mein Opa durch ein paar Gläser Alkohol am Abend gerne verdoppeln wollte und deshalb jeden Anlass dafür nutzte. Ob Geburtstag, Namenstag, Weihnachten, Silvester, Ostern oder sämtliche andere Feiertage. Mit der Zeit hat es auch schon gereicht, wenn einfach nur Wochenende war. Als kleines Kind nahm ich das gar nicht als negativ wahr. Meistens war er sogar besser gelaunt, wenn er etwas getrunken hatte und auch viel gesprächiger, was ich als schön empfand. Das war aber nicht immer der Fall. Oft wurde mein Opa durch den Alkohol noch temperamentvoller, als er ohnehin schon war. Er wurde lauter und war sehr reizbar. Meine Eltern machten dabei oft den Fernseher an oder drehten die Musik auf, um mir einiges zu ersparen. Dabei war ich ohnehin ahnungslos und wusste nichts mit dem veränderten Verhalten anzufangen.

Er trank nicht mehr zum Vergnügen

Als ich älter wurde trank mein Opa nicht mehr, um irgendwas zu feiern. Er trank, weil er süchtig war. Süchtig nach der Droge, nach dem Gefühl, das ihm diese Droge vermittelte, nach dem Rausch. Sein Körper und seine Psyche waren davon abhängig. Wenn er unter der Woche arbeiten musste und deshalb nichts trinken konnte, war er schlechter gelaunt und kaum ansprechbar. Aber es gab immer noch schöne Tage. Die Tage, an die ich mich gerne erinnere. Die Tage, an denen er nüchtern und gutgelaunt zugleich war. Wir konnten viel miteinander sprechen, haben gelacht und uns über Gott und die Welt unterhalten. Mit den Jahren verstärkte sich sein Alkoholkonsum jedoch weiter. Die schlechten Tage wurden immer häufiger, womit sich die Ereignisse verschlimmerten. Durch den Alkohol verlor er seinen Job, seinen Führerschein, brach den Kontakt zu vielen Verwandten ab – und trank dadurch noch häufiger und nun auch unter der Woche. An meinem 14. Geburtstag lag er sturzbetrunken vor unserer Eingangstür.

„Alkoholiker? Ich doch nicht!“

Danach besuchten uns meine Großeltern immer seltener. Wir hatten seit dem Vorfall die Bedingung aufstellt, dass bei uns Zuhause kein Alkohol getrunken wird. Unsere Besuche beschränkten sich auf ein- bis zweimal pro Jahr, weil es immer mehr zur Qual wurde, meinen Opa und meine Oma so leiden zu sehen, ohne etwas dagegen tun zu können.

Ich erinnere mich noch genau an ein Gespräch mit meinem Opa, in dem er sich – wie jedes Mal – für sein Verhalten am Vortag entschuldigte und mir sagte, dass er mich lieb habe. Ich wusste das sehr zu schätzen, denn die Entschuldigung kostete ihn jedes Mal aufs Neue viel Überwindung. Ich schlug ihm vor, eventuell mal zu einem Treffen der Anonymen Alkoholiker zu gehen. Er entgegnete bloß: „Alkoholiker? Aber was hat das denn mit mir zu tun? Das bin ich doch gar nicht.“ Eine Ansicht, die viele Alkoholiker gemeinsam haben. Meistens nehmen sie sich überhaupt nicht als solche wahr. Sie verleugnen ihre Sucht.

Er entschied sich, in eine Suchtklinik zu gehen

Einige Monate später kam jedoch die Einsicht. Er entschied sich, für ein paar Wochen in eine Suchtklinik zu gehen. Er rief uns täglich an und berichtete, wie gut es ihm ginge. Meine Freude war unbeschreiblich. Umso trauriger war ich dann auch, als ich hörte, dass er das Suchtprogramm abgebrochen hatte, um sich am nächstgelegenen Kiosk eine Wodka-Flasche zu kaufen und diese pur zu trinken. Über mehrere Monate trank er jeden Tag einen halben Liter. Für „normale“ Alkoholkonsumenten unvorstellbar. Für meinen alkoholkranken Opa wurde es zum Alltag. Aber wir gaben die Hoffnung nicht auf, da er erneut eine Klinik aufsuchte. Dieses Mal hielt er sogar einen Monat durch. Und es folgte erneut ein Rückschlag: bei ihm wurde eine bipolare Störung diagnostiziert. Also eine manisch-depressive Erkrankung, die durch den Alkohol verursacht wurde. Er wurde launischer, aggressiver, trauriger und verzweifelter.

Mit den Jahren übernimmt der Alkohol die Kontrolle

Vielleicht fragen sich jetzt viele „Warum hat er nicht einfach aufgehört, so viel zu trinken?“. So einfach ist es eben nicht. Alkoholsucht ist eine schwere Krankheit. Anfangs hat man selbst noch die Kontrolle über den Konsum. Mit den Jahren übernimmt der Alkohol die Kontrolle. Man braucht einen sehr starken Willen, um den Prozess der Heilung durchzustehen. Und muss sich vor allem selbst versprechen, nie wieder einen Schluck zu trinken. Das konnte mein Opa nicht. Er trank Tag für Tag immer mehr, zwischenzeitlich sogar einen Liter harten Alkohol täglich. Falls ihr euch jetzt denkt: „Das ist unmöglich, das kann doch kein Mensch überleben!“ Richtig. Mein Opa konnte es leider auch nicht. Aus dem sehr lebhaften und unternehmungslustigen Menschen, der täglich mit dem Fahrrad unterwegs war und viel spazieren ging, wurde ein Mensch, der mehrere Wochen nur im Bett lag und trank. Er verließ das Haus nicht mehr und rief uns auch nicht mehr an. Da wussten wir, dass etwas nicht stimmte. Bisher war er – trotz des enormen Alkoholkonsums – sehr aktiv und vor allem gesprächsfreudig geblieben. Wir versuchten immer noch, ihn vom Trinken abzuhalten. Aber er äußerte gegenüber meiner Oma, er wäre bereit zum Sterben. Der Alkohol begleitete ihn bis zu seinem letzten Tag.

Der letzte Besuch

An einem tristen und regnerischen Nachmittag vor knapp zwei Jahren bekamen wir einen Anruf von meiner Oma. Mein Opa hatte einen Herzinfarkt erlitten. Sein Herz schlug mehrere Minuten nicht mehr und nach einer erfolgreichen Wiederbelebung lag er nun im Koma. Wir fuhren so schnell es ging zu ihm und haben ihn im Krankenhaus zum letzten Mal gesehen. Einige Tage später starb mein Opa an Herz-, Nieren-, Leber-, Magen-, Darm- und Bauchspeicheldrüsenversagen. Der Alkohol hatte jedes einzelne Organ seines Körpers zerstört. Er zerstörte unsere Familie. Er zerstörte jeden einzelnen von uns.

Lieber leben

Habt Spaß am Feiern, habt Spaß mit euren Freuden und eurer Familie und habt Spaß am Leben. Macht es euch nicht durch übermäßigen Alkoholkonsum kaputt. Eine Sucht ist unkontrollierbar, wenn sie nicht wahrgenommen wird. Mit Spaß hat das dann nichts mehr zu tun. Und manchmal geht es schneller, als einem lieb ist. Deshalb: Denkt an euch und die Mitmenschen, die euch am Herzen liegen und denen ihr wichtig seid.

Opa, ich hab` dich lieb.

 

Bildquelle: © iStock

4 Kommentare zu: “Alkoholmissbrauch in der Familie – ein Erlebnisbericht”

  1. Avatar

    Lisa

    Es ist echt traurig und hart sowas zu lesen, aber ich habe in vielen Sätzen meine eigenen Gedanken und Gefühle wiedergefunden. Meine Mama trinkt schon seit ich klein bin und ich kann nichts tun, sondern muss es mir jeden Tag mit aufs neue ansehen. Ich warte nur noch auf dem Tag, wo der Alkhol mir meine Mama nimmt.

  2. Avatar

    Emil Alexander

    Meine Gratulation für Deinen Einsatz. Freue mich, dass es Leute gibt die aktiv daran arbeiten, das Alkoholproblem in der Gesellschaft zu erkennen. 20% der Erwachsenen konsumieren Alkohol in einem riskanten Ausmass. Sind somit die Gefährdeten um Alkoholopfer zu werden.
    Herzliche Grüsse
    Emil

    1. KDL-Blog

      KDL-Blog

      Hallo Emil,
      vielen Dank für deinen Kommentar. Tatsächlich konsumierten 2015 in Deutschland rund 20 Prozent (18,2) der erwachsenen Männer und 13,8 Prozent der erwachsenen Frauen,
      die wöchentlich Alkohol trinken, riskante Mengen Alkohol, das heißt mehr als 20 beziehungsweise zehn Gramm Reinalkohol pro Tag. Noch mehr Zahlen und Informationen gibt es zum Beispiel hier: https://www.dkfz.de/de/tabakkontrolle/download/Publikationen/sonstVeroeffentlichungen/Alkoholatlas-Deutschland-2017_Doppelseiten.pdf.

      Dein „Alkohol? Kenn dein Limit“-Team

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