Anicat

TOTALAUSFALL

von Anicat am

Leere Polaroids an einer Wäscheleine

Es hätte einer der wichtigsten Tage meiner Schullaufbahn werden sollen, einer, an den man sich noch Jahre später erinnert. Jetzt ist der Tag, an dem ich erfuhr, dass ich das Abitur bestanden hatte, ein schwarzes Loch in meiner Erinnerung. Über dem gesamten Tag schwebt ein einziges Wort: Filmriss.

Einige werden bestimmt sagen, dass es gar nicht so schlecht ist, dass mein Kopf keine eigenen Bilder dazu abgespeichert hat, wie ich mich in einer Pizzeria mitten zwischen zwei Tischen übergebe. Oder wie ich kurz davor noch unverständlicherweise den Mut aufgebracht habe, diesen einen seltsamen Typen aus meinem Jahrgang zu küssen, und dass ich das alles nur durch Erzählungen meiner sich fremdschämenden und nicht ganz so alkoholisierten Freunde weiß.

HABE ICH DAS WIRKLICH GETAN?

Viele, die schon einmal mehr getrunken haben als ihnen und ihrem Umfeld gut tut, wissen, wie sich ein Filmriss anfühlt: Wie ein großes Nichts. Als wären alle Erinnerungen einer bestimmten Zeitspanne in ein schwarzes Loch gesogen. Einen Einblick in das Geschehene bekommt man höchstens am nächsten Tag von sämtlichen Freunden, die in allen Farben des Regenbogens schildern, was man in der Zeit des Filmrisses getan hat. Ich nenne das den „talk of shame“.

SO GEHEN DIE ERINNERUNGEN VERLOREN

In Biologie habe ich nie geglänzt, aber diese Fakten sollte ein jeder auf dem Schirm haben:

  • Dein Gehirn wird teilweise betäubt, ja gar „gelähmt“.
  • Erinnerungen und Informationen über Ort, Zeit und andere kontextbezogene Dinge können nicht mehr verknüpft werden.
  • You shall not pass: Informationen werden bereits auf dem Weg ins Langzeitgedächtnis aufgehalten.
  • Auch Langzeitfolgen können nicht ausgeschlossen werden. Häufiger Rausch und Filmrisse beeinträchtigen das Lernen und das dauerhafte Abspeichern von Informationen.

ERINNERUNGEN SIND KOSTBAR

Ich für meinen Teil habe mir an jenem Tag geschworen, dass mir meine Erinnerungen zu wertvoll sind, als dass ich ganze Passagen davon im Alkohol verlieren möchte. Und schließlich möchte ich auch eines Tages meinen Enkelkindern möglichst viele Geschichten meiner Jugend erzählen können, ganz ohne Filmrisse.

HATTET IHR SCHON EINMAL EINEN FILMRISS? UND WAR DAS FÜR EUCH EIN GRUND, IN ZUKUNFT WENIGER ZU TRINKEN?


Bildquelle: © JiSign / Fotolia

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