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Interview Suchtberatung: „Abstinenz-Apostel, das ist nicht unser Job“

von KDL-Blog am

Blechschild mit der Aufschrift "Beratung" auf Holz.

Wer sich in Deutschland wegen einer Alkoholabhängigkeit behandeln lässt, ist im Durchschnitt 44 Jahre alt.* Ein problematischer Konsum zeichnet sich jedoch häufig schon viel früher ab. Andrea Dörner berät Jugendliche, die Probleme dabei haben, ihr Limit einzuhalten. Die Pädagogin und Sozialtherapeutin arbeitet bei der ambulanten Suchtberatung Mitte im Zentrum für integrative Suchthilfe in Berlin**. Dort betreut sie neben erwachsenen Klienten auch die Jugendsprechstunde.

KDL: Was erwartet die Jugendlichen, die zu Ihnen in die Beratung kommen?

Andrea Dörner: Wer zur Jugendsprechstunde kommt, meldet sich einfach beim Empfang und kommt dann direkt zu mir oder meiner Kollegin. Die Beratung ist ein Einzelgespräch. In der Regel kommen Jugendliche in Begleitung von Eltern oder Betreuern, manchmal mit Freund oder Freundin. Die dürfen auf Wunsch mit ins Gespräch. Anfangs geht es einfach darum zu erfahren, was die Klientin oder den Klienten hergeführt hat. Was ist das Anliegen, das Problem oder die Frage?

Oft kommen die Jugendlichen aber gar nicht, weil sie es selbst wollen, sondern weil Eltern, Lehrer oder Betreuer auf sie eingewirkt haben. Dann klopfen wir gemeinsam ab, ob sie nachvollziehen können, dass die sich Sorgen machen. Viele sind sich durchaus bewusst, dass es ein Problem oder Konfliktpotential in der Schule, zu Hause oder mit der WG gibt.

Das erste Gespräch dauert etwa eine Stunde, manchmal auch länger. Wir wollen uns ein möglichst genaues Bild über die Situation machen, lassen unser Gegenüber alles erzählen und fragen auch viel nach. Den meisten tut das ganz gut. Da sind sich Jugendliche und Erwachsene übrigens ähnlich. Wir fühlen uns wohl, wenn uns jemand gegenübersitzt, der zuhört, aufmerksam ist, Fragen stellt und bei dem wir Interesse spüren. Viele sind hinterher überrascht und sagen: „Das war ja gar nicht so schlimm“.

KDL: Wozu eine Jugendsprechstunde in einer Stelle für Suchtberatung?

Dörner: Wer zu uns in die Suchtberatung kommen möchte, kann sich entweder telefonisch melden und einen festen Termin ausmachen oder zu einer der Sprechstunden kommen. Da gibt es offene Sprechzeiten für alle und eine spezielle Jugendsprechstunde. Der Vorteil hierbei: Man trifft bei der Anmeldung und im Warteraum zum Beispiel nicht auf unsere erwachsenen Klientinnen und Klienten, sondern auf andere Jugendliche. Außerdem sind wir hier in der Beratungsstelle zwei Kolleginnen, die speziell die Arbeit mit den Jugendlichen übernehmen. Bei der Jugendsprechstunde sind wir dann auch da.

KDL: Wer darf denn zu Ihnen in die Jugendsprechstunde kommen?

Dörner: Die Jugendsprechstunde ist für alle jungen Menschen offen und die Beratung immer kostenlos. Wenn gewünscht, bleibt sie übrigens auch anonym. Wir brauchen keine Nachnamen.

Natürlich beraten wir auch, wenn noch nichts Schlimmes passiert ist. Man muss zum Beispiel nicht wegen einer Alkoholvergiftung im Krankenhaus gewesen sein. Und es gibt auch keine Einschränkungen, was die Suchtmittel angeht. Da kann es um Alkohol und Zigaretten gehen, aber auch um Cannabis oder XTC.

Wir haben hier manchmal Schülergruppen, die ein Referat vorbereiten und sich informieren wollen. Ich hatte auch schon ein paar in der Sprechstunde, die sich um Freunde oder Eltern Sorgen gemacht haben und wissen wollten, wie sie helfen können. So kann die Sprechstunde auch genutzt werden.

Und wer mit seiner oder ihrer eigenen Geschichte kommt, der kann hier ganz offen reden. Zum einen, weil wir eine Schweigepflicht haben. Es erfährt also niemand, worüber wir gesprochen haben. Und zum anderen, weil wir hier akzeptierende Suchtarbeit betreiben. Das bedeutet, dass wir versuchen, jedem wertfrei und ohne moralische Keule zu begegnen. Man respektiert die Lebenswelt und die Erfahrungen des Gegenübers.

Abstinenz-Apostel, das ist nicht unser Job. Trotzdem ist das nicht nur Spaß in so einer Beratung. Ich sage den Jugendlichen schon ganz klar, was ihr Konsum für Konsequenzen für ihr Gehirn oder ihre Organe haben kann.

KDL: Wie geht es weiter, was passiert nach dem ersten Gespräch?

Dörner: Das hängt sehr stark davon ab, was einen hergeführt hat. Wenn es um Fragen oder Unsicherheiten geht, die man schnell ausräumen kann, reicht das eine Gespräch aus. Manchmal haben die Jugendlichen auch mit jemandem eine freiwillige Absprache getroffen, dass sie zum Beispiel mindestens drei Mal kommen. Dann würde man weitere Termine vereinbaren.

Außerdem haben wir Reduktionsprogramme für Jugendliche, die noch nicht suchterkrankt sind, aber ihren Konsum bei Alkohol oder Cannabis einschränken wollen. „Break“ heißt das Programm zur Alkoholreduktion und es besteht aus vier Terminen, „realize it“ zur Reduktion des Cannabiskonsums mit insgesamt sechs Terminen. Bei jedem gibt es bestimmte Programmpunkte und feste Themen. Dadurch bekommt so eine Stunde eine Struktur.

Wenn in den Gesprächen deutlich wird, dass bereits eine Abhängigkeit vorliegt, würden wir eine stationäre oder ambulante Therapie vermitteln. Da gibt es übrigens auch jugendspezifische Angebote.

KDL: Was empfehlen Sie jemandem, der merkt, dass es ihm oder ihr manchmal schwer fällt im Limit zu bleiben?

Dörner: Zuerst mal sich genauer zu beobachten, gerne auch mal aufzuschreiben, wann, was und wie viel man getrunken hat. Dann überlegen: Wann trinke ich keinen Alkohol? Trinke ich zum Beispiel, wenn eine Klassenarbeit ansteht? Die Situationen, in denen nicht getrunken wird, sind ein Potential, das man ausbauen kann. Was schmeckt mir denn noch außer alkoholischen Getränken? Um dann nämlich abzuwechseln.

Manchmal macht es auch Sinn, sich mit Leuten zu umgeben, von denen man sich was abgucken kann. Wen habe ich zum Beispiel im Freundeskreis, der nichts oder wenig trinkt. Und beim nächsten Mal lieber mit dieser Person zur Party gehen.

Ganz wichtig, hast du denn schon herausgefunden, wie viel Alkohol du verträgst? Bis zum wievielten Bier oder Drink hast du den Eindruck, du kriegst das noch ganz gut hin? Ab dem wievielten ist es dann eigentlich vorbei. Und wenn du weißt, drei Bier gehen, dann überlegen, wie man die in die Länge zieht. Zum Beispiel später mit dem Trinken anfangen oder zwischendurch was Nichtalkoholisches.

Viele der Jugendlichen, mit denen ich rede, wissen eigentlich schon, wie es gehen könnte, sind sich dessen nur manchmal nicht bewusst und setzen es halt nicht immer um. Da kann so ein Beratungsgespräch helfen. Auch wenn es Suchtberatung heißt. Man muss nicht süchtig sein, um zu uns zu kommen. Wir können den Jugendlichen was an die Hand geben, damit sie sich der Risiken bewusster sind und dann gar nicht so viel passiert.

* Jahresbericht der deutschen Suchthilfestatistik (DSHS), November 2014: Download als PDF

**Ambulante Suchtberatung Mitte | Zentrum für integrative Suchthilfe: zur Website


Wenn du Fragen hast, die du gerne in einem individuellen Gespräch mit einer Expertin oder einem Experten klären würdest, hilft unser Beratungsstellenfinder. Eine weitere Möglichkeit ist das Info-Telefon der BZgA. Auch hier kannst du dich erst mal ganz unverbindlich und anonym informieren:

BZgA-Info-Telefon: 0221 892031

Mo.-Do. 10.00 bis 22.00 Uhr

Fr.-So. 10.00 bis 18.00 Uhr

(Kostenpflichtig, es gilt der Preis entsprechend der Preisliste deines Telefonanbieters für Gespräche in das Kölner Ortsnetz)

Online Alkoholreduktionsprogramm: www.kenn-dein-limit.info/change-your-drinking.html

Online Cannabisreduktionsprogramm: www.quit-the-shit.net/qts/start.do


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