Vicky

Nüchterne Fangesänge

von Vicky am

Mädchen im Fußballstadion schaut in Kamera

Riss des vorderen Kreuzbandes – so lautet die niederschmetternde Diagnose. Die Saison ist für mich damit gelaufen und bis ich das nächste Mal wieder Radfahren oder Laufen gehen kann, werden noch viele Wochen ins Land gehen. Was also tun? Ich entscheide mich dafür, anderen beim Sport zuzuschauen. 

Neben Volleyball, brennt mein Herz auch für andere Ballsportarten wie Hand- oder Fußball. Um mich abzulenken, lädt mich meine Mutti am Freitagabend zum Fußballspiel ein: Dynamo Dresden gegen Borussia Dortmund II. Da ich mittlerweile auf Krücken unterwegs bin, geht es in den Sitzblock. Über 90 Minuten zu stehen, ist leider nicht drin.

Im Schneckentempo humpele ich vom Parkplatz Richtung Stadion. Immer wieder stoße ich mit den Krücken an herumliegende Bierflaschen und stolpere fast. Vorglühen? Von mir aus, aber dann bitte auch den Müll aus dem Weg räumen! Das Klirren der herumliegenden Glasflaschen dauert bis zum Einlass an. Auf dem Stadiongelände sind die Schlangen an den Getränke- und Essensständen meterlang. Im Gegensatz zu Hochsicherheitsspielen, Begegnungen mit erhöhtem Gefahrenpotenzial wie beispielsweise Derbys, wo es nur Light-Bier gibt (also stark verdünntes Bier mit einem Alkoholgehalt von nur noch zwei bis 3,2 Prozent), um zu vermeiden, dass gewaltbereite Fans sich Mut antrinken können, steht heute sogar Glühwein auf der Karte. Doch da es nur noch 30 Minuten bis zum Anpfiff sind und ich noch ein Stück humpeln muss, entscheiden wir uns gegen ein wärmendes Getränk. Ich will ja nichts verpassen.

Meine Mutter hat für uns Plätze neben dem „Familienblock“ reserviert, wo Rauchen strengstens verboten ist. Da wir weder zu den Beim-Fußball-muss-ein-Bier-sein-Fans gehören, noch Raucher sind, hofften wir hier, auf beides nicht zu treffen. Ich mag es leider überhaupt nicht, inmitten von Massen gefangen zu sein und dem Rauch einer Zigarette ausgeliefert zu sein, sodass ich danach alle Klamotten waschen darf. Genauso verhält es sich mit einer möglichen Bierdusche bei einem Tor (dazu kommen wir gleich noch). Tatsächlichen sitzen vor und hinter mir Väter mit Sohn und Opa im Gepäck. Nur hin und wieder blitzt ein Becher mit Bier zwischen den Sitzreihen auf. Und dann pfeift der Schiedsrichter die Partie an.

Bloß keine Bierdusche!

Flanke, Kopfball, Toooooor! Schon nach 14 Minuten fällt der erste Treffer. Während alle anderen von ihren Sitzen aufspringen, stehe ich mit ungefähr 10 Sekunden Verzögerung wackelig auf den Beinen und applaudiere. Als sich der Siegesjubel langsam legt und sich die Zuschauer nach einander wieder setzen, bekomme ich eine Nachricht von meinem Freund aus dem gegenüberliegenden Stehblock. „Geiles Tor, aber ich bin klitschnass…“

Danach verläuft das Spiel schleppend, die Stimmung kippt und die Pfiffe gegen den Schiedsrichter werden lauter. Und dann fällt in der Nachspielzeit auch noch der Ausgleichstreffer. Sofort fliegen Plastikbecher auf das Spielfeld. So schnell wie nur irgend möglich, verlassen meine Mutter und ich das Stadion. Der Weg gestaltet sich wie ein Hindernisparcours: Wieder liegen überall leere Bierbecher, die leeren Sitzreihen sind voll davon.

Bei Gewalt hört der Spaß auf

Draußen treffen wir meinen nach Bier riechenden aber wieder trockenen Freund. Wir sprechen über das Spiel, als plötzlich die Krawalle losgehen. Eine Gruppe vermummter Fans pöbelt und wirft mit Plastikbechern nach den Polizisten, die mit Pfefferspray die Meute im Zaum halten wollen. Einige Fans taumeln, andere schreien undeutlich und scheinen betrunken. Überhaupt scheinen die Leute das Pfefferspray der Polizei sowie die gehobenen Schutzschilde nicht zu beeindrucken. Mit lauten Rufen, zur Faust geballten Händen und noch mehr fliegenden Plastikbechern schaffen es die vermummten „Fans“, die Polizisten auf die Straße zu drängen, der Verkehr bleibt stocken und immer mehr sog. Fans schließen sich an. Wir merken, dass es brenzlig wird und ergreifen die Flucht. Ein trauriges Ende eines bis dahin netten Fußballabends.

Fußball und Bier scheinen für einige Menschen untrennbar zu sein – ich will nicht sagen alle, für viele steht der Fußball im Vordergrund und die meisten kennen schließlich ihr Limit. Allerdings finde ich es bedenklich, dass der Alkohol bei manchen „Fans“ zu solch aggressiven Handlungen führen kann.

Wieder zu Hause steigt mein Freund gleich aus den nach Bier stinkenden Klamotten. „Könntest du dir ein Spiel ohne Bier vorstellen?“, frage ich ihn. „Nein. Zu einem Fußballspiel gehört für mich einfach ein Bier!“ Das war schon immer so und wird sich wahrscheinlich auch so schnell nicht ändern. Ist Alkohol trinken beim Fußball vielleicht zu einer Gewohnheit oder schon zu einer Art Tradition unter den Fußballfans herangewachsen?

Ich jedenfalls habe auch ohne Bier Spaß am Fußball. Spiele ohne Bier, werden wohl erstmal ein Gedankenexperiment bleiben.

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