Michel

„Manchmal endet unsere Arbeit wegen Alkohol“

von Michel am

Das Weserstadion des SV Werder Bremen. Für ein Gespräch mit Manfred Rutkowski vom Fan-Projekt Bremen betrete ich das Stadion zum ersten Mal ohne ein Fußballspiel zu sehen. Das Fan-Projekt Bremen ist ein sozialpädagogisches Projekt, das seit 1981 pädagogische Arbeit mit jugendlichen Fußballfans betreibt – damit ist es das erste deutsche Fanprojekt seiner Art. Manfred Rutkowski, Diplom-Pädagoge, arbeitet seit dem Jahr 1985 für das Fan-Projekt Bremen. Meinen Fragen zu seiner Arbeit und welche Rolle Alkohol in der Bremer Fanszene spielt, hat er Rede und Antwort gestanden.

Fußballstadion - Ansicht von draußen.
Das Bremer Weserstadion.
Manfred, du leistest sozialpädagogische Arbeit mit jugendlichen Fußballfans des SV Werder Bremen. Was kann man sich darunter vorstellen?

Wir machen Jugendarbeit. In unseren Räumlichkeiten können die Jugendlichen die Auswärtsspiele schauen. Wir organisieren Veranstaltungen wie Film und Theater, oder auch Radioproduktionen. Die Bremer „Ultras“ haben eigenständig Zugang zu den Räumen des Fanzentrums. Wir müssen nur gelegentlich die Zeiten aufteilen und kleinere Streitereien zwischen den Gruppen klären. Wenn zum Beispiel die Dienstagsgruppe sich darüber beschwert, dass die Montagsgruppe die Küche nicht sauber hinterlassen hat. Wir leisten aber auch Bildungsarbeit für Jugendliche mit Migrationshintergrund und Antidiskriminierungsarbeit. Ab und zu kommt auch mal ein Fan zu uns, der einfach nur reden will, weil er Probleme mit der Schule oder der Familie hat. Da haben wir immer ein offenes Ohr.

Da steckt ja eine ganz schöne Menge hinter dem Begriff Jugendarbeit. Welchen Einfluss hat der Faktor Alkohol dabei auf deine Arbeit?

Es gibt Situationen da endet unsere Arbeit wegen Alkohol. Mal ein Beispiel: Ich fahre mit einer alten, gestandenen Truppe mit dem Bus nach Auswärts und die kommen hier an und dann stehen vor dem Bus schon die Kisten Bier, die Flasche Korn und die Cola für die Mischgetränke. Dann steig ich da ein und weiß ganz genau, dass ich vielleicht noch zwei-drei Gespräche führen kann und der Rest ist geschenkt. Es gibt so ein gewisses Level und dann hat man keinen Einfluss mehr. Das wird dann eher auch unangenehm und meine Arbeit stößt an ihre Grenzen. Es gibt Leute, die habe ich bei den Spiele jahrelang nur besoffen erlebt und als ich die dann mal unter der Woche gesehen habe, war ich ganz überrascht, wie sie dann im Anzug ihren Kaffee oder ihre Cola getrunken haben. So nach dem Motto: „Es ist Wochenende, ab Freitagabend geb ich Gas.“

Bei den Übertragungen der Auswärtsspiele verkaufen wir auch Alkohol. Das wurde bei uns lange diskutiert, wir sind ein Jugendprojekt. Aber ich weiß genau, 20 Meter weiter steht die nächste Bierbude, und wir können am Spieltag nicht nur Cola verkaufen. Dann ist die Bude leer. Das entspricht aber auch nicht unserer Herangehensweise. Wenn einer beim Spiel ein Bier trinkt, finde ich das in Ordnung. Das ist auch kulturelles Zusammensein. Unserer Arbeit setzt eher da an, dass wir darauf achten, wie die Leute mit dem Alkohol umgehen. Wir kennen auch Kandidaten die – wenn sie Alkohol trinken – immer Stress mit der Polizei bekommen. Und das sind Situationen, in denen wir den Umgang mit Alkohol problematisieren.

Kicker im Jugendraum
Die Jugendlichen Fans können die Räume im OstKurvenSaal mitgestalten.
Da hast du sicher auch Kontakt zu alkoholisierten Fans. Wie kannst du den Jugendlichen helfen?

Es kommt schon mal vor, dass ein besoffener Jugendlicher zu mir kommt und mir eine Geschichte erzählen will. Da muss ich dann auch sagen: heute nicht mehr. Wenn es wichtig ist, können wir in der nächsten Woche drüber reden, wenn du wieder nüchtern bist. Das hat so keinen Sinn. Oder wenn einer meint, sich mit einem Polizisten anlegen zu müssen, dann kann man ihn schon mal an der Schulter packen und versuchen, ihn zu beruhigen. Als ein Erwachsener, den die Jugendlichen kennen, kann man da schon was bewirken.

Neben der Konfrontation mit Problemen etwas zur positiven Seite deiner Arbeit: Woran merkst du, dass du mit deiner Arbeit Erfolg hast?

Dass merken wir daran, dass die Jugendlichen kommen und dass sie da sind und mit uns reden. Es kommen aber auch manchmal Leute im Erwachsenenalter auf mich zu, die ich schon als Jugendliche betreut habe, und die mir sagen: „Manni, bei euch war der einzige Ort an dem ich mal richtig reden konnte, wenn ihr damals nicht gewesen wärt.“ Das ist dann schon toll, mal solche Feedbacks zu kriegen. Die kriegt man nicht täglich. Die jungen Leute kommen eher, um sich über etwas zu beschweren und dann – wenn sie älter sind – bekommt man auch mal was zurück.

Im OstKurvenSaal werden auch die Auswärtsspiele übertragen.
Dass Alkohol das Aggressionspotenzial steigert, ist dir bekannt. Würdest du deswegen einem Alkoholverbot im Stadion zustimmen?

Nein. Wir hatten ein Verbot bei den Champions-League-Spielen. In und um das Stadion war alkoholfrei. Aber dass sich dadurch irgendwas an Aggressionspotenzialen verändert hat, kann ich nicht sagen. Die Leute, die Alkohol im Zusammenhang mit Fußball konsumieren, die trinken auch Alkohol, wenn es im Stadion nichts gibt. Die trinken dann vorher eben noch ein bisschen schneller, weil sie wissen, die zwei Stunden im Stadion gibt´s nichts mehr. Oder wir konnten bewusst beobachten, dass wenn nach dem Spiel die Stehplätze wieder leer waren, überall kleine Schnapsflaschen rumlagen. Nicht nur wegen des Alkohols, sondern weil sie auch als Wurfgeschoss gefährlich sind, ist das eher kontraproduktiv. Die Erfahrung zeigt uns, es wird entweder vorher mehr getrunken oder Alkohol ins Stadion geschmuggelt.

Dass Alkohol das Aggressionspotenzial steigert, wissen wir. Unter Alkohol wird schneller gepöbelt und wenn zwei aneinander geraten, kommt es häufig zu einer Schlägerei. Doch mit Verboten erreichste erstmal nichts. Wir versuchen positives Verhalten zu stärken und dadurch Negatives vergessen zu lassen. Wenn wir einen sehen, der bei uns Alkohol kaufen will, aber nur noch auf einem Auge richtig gucken kann, dann sagen wir dem auch: Geh mal besser nach Hause, das reicht für heute.

Mann um die 60 Jahre mit Brille.
Manfred Rutkowski, Diplom-Pädagoge, arbeitet seit dem Jahr 1985 für das Fan-Projekt Bremen.
Kannst du mir sagen, wie die Fans reagieren, wenn es um ein Alkoholverbot in Stadien geht?

Die Fans sind da relativ gelassen. Nichtsdestotrotz ist ins Stadion zu gehen und dann ein Bier zu trinken, für viele ein Teil der Fußballinszenierung. Da würde denen vielleicht schon was fehlen. Wir haben auch Kontakt zu anderen Vereinen gehabt, in denen Alkohol verboten wurde. Aber da wurde der VIP-Bereich von dem Verbot ausgenommen. Die „Schampus-Kurve“ darf immer noch trinken, wurde gesagt. Weil von denen kein Risiko ausgehe. In unserer Stehkurve geht das Risiko aber auch nicht von allen 4000 Fans aus. Ich halte nicht viel davon, wenn nicht mit einem Maß gemessen wird.

Vielen Dank für das aufschlussreiche Gespräch, Manfred!

Alkohol und Fußball – wie denkt ihr darüber?

Alkohol ist und bleibt ein Thema im Fußball.

Für viele Fans gehört er zum Event dazu, für Sicherheitskräfte und Polizei wird er manchmal zum Problem. Für Eskalationen sind oft kleinere Gruppen verantwortlich. Ich habe den Eindruck gewonnen, dass es hier noch schwerfällt, ein erfolgsversprechendes Modell zu finden, das Aggressionen durch Alkohol in Fußballstadien entschärft. Verbote werden offenbar umgangen oder als Bestrafung empfunden.

Das Fan-Projekt Bremen versucht gegenüber seinen Jugendlichen ohne Verbote auszukommen und positive Aspekte des Fußballsports hervorzuheben. Das Projekt bietet den Jugendlichen Leistungen, die sie nur in Anspruch nehmen können, wenn sie sich an die Regeln halten. Dieser Ansatz hat sich bewährt.

Der Fußball soll im Vordergrund stehen – und das find ich gut und wichtig!

Aber was denkt ihr? Was kann man gegen Aggressionen durch Alkohol im Fußballstadion machen?

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