Maja

„Du trinkst zu viel“ sagen nur Trampeltiere

von Maja am

Als ich Michels Artikel über seinen betrunkenen Freund gelesen habe, habe ich bei jedem Satz wild mit dem Kopf genickt: Auch ich kenne mehrere Leute, die sich gern mal durch zu viel Alkohol ins Aus katapultieren bzw. in die nächste Ecke. Wer zusammengekauert auf einem Sessel rumlallt, kotzend das Bad blockiert oder mehrere Helferinnen zum Laufen braucht, nervt. Aber das sagt niemand. 

Und wie Michel frag ich mich: Wie spricht man das am besten an? „Oft zu viel trinken“ reiht sich schließlich vor „Fremdgehen“ und „du muffst“ auf Platz eins der schwierigen Gesprächsthemen ein. Die schiebt man so lange vor sich her, bis es nicht mehr auszuhalten ist. Und dann ist es oft zu spät.

Einfach umdrehen

Mir hilft es immer, wenn ich mir die Situation umgedreht vorstelle. Wenn ich diejenige wäre, die nicht merkt, dass sie durch übertriebenen Alkoholkonsum andauernd zum Nervfaktor für die anderen wird: Wie würde ich mir ein Gespräch wünschen?

In „Gespräch“ steckt „Sprache“

Die Formulierung „Du trinkst du zuviel“ – auch wenn sie stimmen mag – ist eine Trampel-Ansage in Papas schlimmstem „SO IST ES“-Ton. Da würd ich denken „Pfff, danke, ich bin aber schon groß und kann für mich selbst entscheiden!“. Hier rein, da raus.

Das Thema ist sensibel. Das Gespräch darüber wird sich einbrennen. Da kann man nicht so rumpoltern, denn es geht um eine Schwäche. Kotzen und rumlallen sind nicht grade die großen Heldentaten, auf die man stolz ist.

Wenn jemand sagt „Mir ist aufgefallen, dass irgendetwas grad nicht stimmt…“ oder „Wie läufts eigentlich so bei dir?“ klingt das nett und würde mich eher anstoßen, mal nachzudenken. Denn vielleicht steckt mehr hinter dem regelmäßigen Saufen. Und um das herauszufinden hilft meiner Meinung nach langsames, geduldiges Rantasten mit Fragen. Und wenn der Gesprächsversuch beim ersten Mal nicht klappt: Dranbleiben.

Wer darf überhaupt nachfragen?

Ich würde behaupten, nur engere Freundinnen und Freunde dürften sich einmischen und auch nur sie würde ich ernstnehmen. Weil sie die Familie sind, die ich mir selbst ausgesucht habe. Und für Lieblingsmenschen übernimmt man auch mal Verantwortung – und das sogar sehr gern.

Würde mich einer von ihnen in einer ruhigen, nüchternen Minute beiseite nehmen und langsam beginnen, den Finger in die Wunde zu legen, täte das natürlich weh. Aber dann könnten wir zusammen das Problem behandeln und gemeinsam ein „Pflaster“ aussuchen.

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