Claudia

„Ich wollte der erste sein, der ausbricht“ – Teil 2

von Claudia am| 2 Kommentare

Alternativtext

Ein ehemaliger Alkoholiker erzählte mir im ersten Teil wie er mit 24 süchtig wurde. Diesmal wollte ich von Jan* wissen, wie ihm eine Therapie erfolgreich aus der Alkoholsucht geholfen hat. Der heute 30-Jährige hat nämlich seit 5 Jahren und 7 Monaten keinen Tropfen Alkohol mehr getrunken.

Was hast du in der Suchttherapie gelernt?

„Nach vielleicht einem Vierteljahr kam  das Aha-Erlebnis: Du hast eben doch Konsum- und Verhaltensmuster, die dir, den Menschen in deiner Umgebung und auch völlig Fremden Schaden zufügen. Während der Therapie haben wir Familienstammbäume erstellt und dabei ist mir einiges klar geworden. Dass nämlich in meiner Familie Alkohol oft die Antwort war, unabhängig vom Problem. Zu der Zeit habe ich gemerkt: Nur weil alle es so machen, ist es weder normal noch gesund. Als ich mir diese familiären Muster angeschaut habe, wollte ich der erste sein, der daraus ausbricht. Die Beziehung meiner Eltern ist an Alkohol zerbrochen und das wollte ich für mich selbst ausschließen.“

Wie hat dir die Therapie geholfen?

„Nach einem Jahr etwa war die Therapie abgeschlossen. Sonst wäre ich jetzt nicht in Freiheit und in einem stabilen sozialen Umfeld. Ohne die Therapie hätte ich sicher alle Brücken abgebrochen, absichtlich oder unabsichtlich. Meine Trinkziele konnte ich vorher nie einhalten. Ein Bier am Abend? Kann ich mich nicht dran erinnern. Ich habe getrunken bis der Alkohol alle war, bis ich zu müde war oder mir schlecht war. Auch Versuche, mal einen Monat kürzer zu treten, sind immer gescheitert. Als ich dann vier Monate abstinent war, habe ich gemerkt, wie gut sich das anfühlt: mal ohne Kater aufzuwachen. Da war ich stolz drauf, dass ich das durchgehalten habe.“

Wie reagiert dein Umfeld auf dein Alkohol-Abstinenz?

„Zu den Leuten von früher habe ich kaum noch Kontakt. Klar begegnet man sich mal in der Stadt, vor allem beim Fußball. Aber da versuche ich Abstand zu halten. Denn die haben meist kein Verständnis für meine Abstinenz. Im Gegensatz zu meinen neuen Freunden, denen ich von meiner Sucht erzählt habe. Auch auf Arbeit habe ich kein Problem damit. Fünf Jahre und sieben Monate bin ich jetzt abstinent und bekomme immer Anerkennung dafür. Ich bin stolz, dass meine Tochter mich nicht mit Alkohol in Verbindung bringen wird. Denn ich habe es tatsächlich schon erlebt, dass Dreijährige Werbung für Bier sehen und als erstes „Papa!“ sagen. Weil sie ihren Vater eben jeden Abend mit einem Glas Bier sehen.“

Wie kommst du ohne Alkohol klar?

„In meiner Familie bin ich nach wie vor der einzige, der keinen Alkohol trinkt. Aber meinem Gefühl nach schauen die anderen dadurch doch kritischer auf ihre eigenen Angewohnheiten. Mittlerweile kann ich damit umgehen, wenn Menschen um mich herum Alkohol trinken. Direkt nach der Therapie waren Kneipen und Clubs eine Qual. Selbst wenn ich heute einen Betrunkenen in der Straßenbahn sehe, dann ekele ich vor mir selbst. Weil ich weiß, dass ich früher auch so herumgelaufen bin.“

Bist du von deiner Sucht geheilt?

„Es ist ein schmaler Grat zwischen „sich sicher sein“ und „sich zu sicher sein“. Deswegen engagiere ich mich ehrenamtlich und erzähle Leuten von meiner Sucht. Ich muss immer wieder sichergehen, wo ich gerade stehe. Schulklassen kommen ins Suchtberatungszentrum, aber leider nur einmal zwischen der 7. und der 10. Klasse. Vor allem als Jugendlicher stellt man sich einen Alkoholiker immer als alten Menschen vor, meist als Obdachlosen, der sein Leben völlig gegen die Wand gefahren hat. Aber so ist es nicht. Als Alkoholiker kann man auch weiterhin im Berufsleben stehen. Alkoholsucht kann jeden treffen, unabhängig von Alter und Status.“

* Name von Redaktion geändert

2 Kommentare zu: “„Ich wollte der erste sein, der ausbricht“ – Teil 2”

  1. Avatar

    Dominik.k

    Hey ich kenne es selber, hatte mit 16 zum Spass hier und da mal getrunken und das dann bis zu meinem 17ten immer öfter so wie heftiger. Nachdem ich den Kontakt zu meinen Freunden nicht mehr hatte, da sie mit mir keinen Kontakt mehr wollten, war mir das dann auch Scheiss egal! Das einzigste, was ich im Kopf noch hatte, war neben der Ausbildung, den Alkoholpegel immer so hoch wie möglich zu halten. Der grosse Fehler daran war dann, dass mir Stück für Stück alles immer mehr mich nicht mehr intressiert hat und ich so mit die Ausbildung verloren hatte und so mit aus das Sammeln von Pfand angewiesen war. Das altägliche Trinken machte mich Tag für Tag immer aggresiver bis ich mich mit der Polizei mehrmals angelegt hatte und so mit Hilfe durchs Gericht bekommen hatte, so dass mir die sozialen Einrichtungen wie Caritas dazu geraten hatten eine therapie zu machen, nur hatte ich damit nicht viel Hilfe, da es irgend eine private war, die einfach gesagt besser sich angehört hatte als sie war und so mit dort abgehauen bin und wieder beim Trinken gelandet bin, aber mit der Hilfe meiner Freundin kann ich jetzt mit 19 sagen, dass ich 3 jahre durch den Alkohol und 2 Ausbildungen in den Sand gesetzt habe aber trotzdem mit ihrer Hilfe ein Tag nach dem anderen versuche zu schaffen trotz gelegentlicher Rückfälle.

  2. Avatar

    kdl-team

    Der Blogbeitrag von Claudia beschreibt eindrucksvoll, wie jemand erfolgreich seine Alkoholabhängigkeit bewältigt hat. Entscheidend zu diesem Erfolg beigetragen hat eine professionelle Therapie: „Ohne die Therapie hätte ich sicher alle Brücken abgebrochen, absichtlich oder unabsichtlich.“ Der erste Schritt ist ein persönliches Gespräch mit einem Berater oder einer Beraterin. Unter folgendem Link findet ihr ein Verzeichnis aller Suchtberatungsstellen in Deutschland: http://www.bzga.de/?id=Seite48

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