Claudia

„Ich wollte der erste sein, der ausbricht“ – Teil 1

von Claudia am

Jan* war 24, als er sich für eine Suchttherapie entschied. Nicht weil er dem Alkohol den Kampf ansagen wollte, sondern weil er sich dadurch eine geringere Haftstrafe erhoffte. Denn wenn Jan Alkohol getrunken hatte, wurde er aggressiv. Er trank so viel und so regelmäßig Bier, dass er mehrmals wegen Schlägereien vor Gericht stand. Heute ist er 30, hat eine kleine Tochter und erzählt mir von seinem Weg aus der Sucht.

Wann hast du angefangen Alkohol zu trinken?

„Mit 15, 16 habe ich angefangen, mit meinen Freunden zu trinken. Ich war also kein besonderer Frühstarter. Aber in meiner Familie wurde schon immer und auch regelmäßig Alkohol getrunken. Ich habe jedes Familienmitglied mal stark betrunken erlebt. Alkohol gehörte für mich einfach dazu. Dann hat sich mein Konsum sehr schnell gesteigert, während des Abiturs habe ich erst nach, später dann auch vor der Schule getrunken. Richtig eskaliert ist es während meiner Zeit bei der Bundeswehr. Nach 15.30 Uhr hatten wir Feierabend. Zu der Zeit waren fünf Dosen Bier am Tag mein Minimum, sechs Monate lang. Unsere Vorgesetzten fuhren abends nach Hause, die haben von unserer Trinkerei nicht viel mitbekommen, haben es ignoriert oder manchmal mitgetrunken.“

Fiel irgendjemandem dein Alkoholproblem auf?

„Von meinen Freunden hat niemand meinen Alkoholkonsum für unnormal gehalten. Im Gegenteil, als ich die Therapie angefangen habe, waren viele erstaunt. Jeder wusste, dass ich Probleme mit der Justiz habe, aber niemand sah Alkohol als Ursache. Zu der Zeit kamen gerade Flatrate-Partys auf, insofern schien es da auch keinen großen Unterschied zwischen mir und meinen Freunden zu geben. Als ich dann studiert habe, ließ sich das gut mit dem Feiern arrangieren. Studenten nutzen ja jeden Anlass zum Feiern. Schwieriger wurde es nach meinem Studienabbruch, als ich eine Ausbildung anfing. 7.30 Uhr auf der Matte zu stehen, das fiel mir schwer.“

Wie hast du dich verändert, wenn du Alkohol getrunken hattest?

„Unter Alkoholeinfluss lasse ich mich leicht provozieren. Oder zumindest habe ich oft geglaubt, jemand würde mich provozieren. Und dann gab es Fälle – vor allem bei Fußballspielen – da habe ich getrunken, um lockerer zu sein und weniger Angst vor der Polizei und der gegnerischen Mannschaft zu haben. Da habe ich Schlägereien  bei jedem Spiel gesucht.“

Wann erkanntest du, dass du was ändern musstest?

„Vier Mal stand ich vor Gericht und war dann anderthalb Jahre im Gefängnis. Wobei ich durch die Therapie eben guten Willen und Erfolge vorweisen konnte und deshalb schnell in den offenen Vollzug kam. Das heißt, tagsüber konnte ich arbeiten gehen und abends musste ich zurück ins Gefängnis. Schon vorher, während der Untersuchungshaft, habe ich gemerkt: So geht’s nicht weiter, ich muss ruhiger werden, kürzer treten. Alkohol war aber noch nicht der Grund, den ich dahinter gesehen habe. Nicht mehr zum Fußball zu gehen, schien einer der ersten Schritte aus dieser Sackgasse zu sein. Strafgebühren und Anwaltskosten beliefen sich mittlerweile auf 15.000 Euro. Irgendwann habe ich nur noch das billigste Bier getrunken. Aber beschaffungskriminell war ich nicht. Alkohol ist ja verfügbar und wird dir oft angeboten. Durch meine Nebenjobs konnte ich das Trinken finanzieren, aber übrig blieb am Ende des Monats nicht viel. Trotzdem: Alkohol ist zu billig undzu wenig besteuert.“

Wie Jan seine Alkoholsucht mit einer Therapie überwunden hat, erzählt er euch im nächsten Teil meines Blogs.

* Name von Redaktion geändert

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