Gustav

Alt trinkt auch

von Gustav am| 3 Kommentare

Wer mir sagt, ich soll nicht so viel trinken, ist meistens über vierzig. Auf den Oldiepartys am Wochenende geht er dann aber richtig einen heben. Ob Lehrer mit Cordhose oder Tante Else auf Kaffeefahrt: Wieso kennen „alte Leute“ unsere Limits so gut?

Gestern habe ich es wieder gehört, an der Kasse vom Supermarkt: „Alkohol ist schädlich, man soll das Zeug nicht in den Mund nehmen“, sagt eine Achtzigjährige hinter mir in der Schlange, auf dem Band zwei Packungen Zigaretten.

Wer im Glashaus sitzt …

Das eine ist, dass sie uns belehren möchten – die alten Leute – das andere ist, dass sie oft selbst über den Durst trinken. Wenn Horst aus Wuppertal beim Grillen hackenstramm seinem Sohn „empfiehlt“, besser auf seine Zukunft zu achten und das restliche Bier dem alten Profi zu überlassen. Wenn der Klassenlehrer tagsüber über die Risiken des Alkoholkonsums aufklärt und am selben Abend einen Verkehrsunfall unter Alkoholeinfluss verursacht. Oder wenn die Großmutter den Enkeln zu Weihnachten den Wein vorenthält und auf der Busreise durch die Türkei selbst nicht Nein zum Raki sagen kann.

Vielleicht haben diese Leute schlechte Erfahrungen mit dem Alkohol gemacht. Da finde ich es gut, wenn sie davon berichten. Zum einen belustigt es mich, zum Beispiel Horsts Geschichte zu hören, wie er sturzbetrunken eines Nachts in die Schubkarre des Nachbarn gekackt hat und dabei erwischt wurde. Zum anderen werde ich fairerweise über die Risiken meines eigenen Konsums aufgeklärt. Why not.

Ich finde es stark und zugleich „voll normal“, wenn jemand sich gegen den Alkohol entscheidet. Wer aber mit der Moralkeule an meinem Trinkverhalten rumnörgelt, steigert eher meine Lust, es der Welt beweisen zu wollen und erst recht zu übertreiben. Wie inkonsequent: Damit mache ich meinen Konsum ja doch von denen abhängig, von denen ich mich gerade abgrenzen will. Besser ist es wohl, das pauschale „Nein, du darfst nicht“ zu überhören, sondern sich lieber mal zu fragen, wie die anderen zu ihrem Urteil gelangt sind – und welche Konsequenzen man daraus ziehen kann.


… sollte nicht mit Steinen werfen

Viele „Alten“ wollen nur das Beste für ihre Nachkommen. Verständlich, dass sie sich Sorgen machen! Was ich über die Zahl von Verkehrsunfällen unter Alkoholeinfluss oder schon die bloßen gesundheitlichen Folgen weiß, gibt auch genug Grund dazu – doch die Reaktionen „von oben herab“ verstehe ich nicht. Aufklären heißt doch nicht Nein-Sagen!

Horst zum Beispiel war damals nie dabei auf unseren nächtlichen Touren durch’s Ruhrgebiet. Er hat nur Eriks Kotze am nächsten Morgen gesehen, nicht, wie sich alle anderen rührend um ihn gekümmert und ihn sicher nach Hause gebracht haben. Wie kann er dann den Alkohol pauschal verteufeln, bloß weil Einzelne ihr Limit nicht kennen?

Bitte an die „Erwachsenen“

Liebe ältere Mitmenschen, dass ihr euch um uns kümmert, finde ich klasse. Das Thema Alkohol geht uns alle etwas an! Wir können gern kooperieren. Wir können gern gemeinsam überlegen, wie wir die Probleme in den Griff bekommen. Ihr könnt uns fragen, so wie wir euch ab und zu um euren Rat bitten. Insofern: Äußert euch gern weiter dazu, mischt euch ruhig ein. Wir sind dankbar für jeden Hinweis, der Leib und Leben retten kann.  Aber: Lasst uns ernsthaft und auf Augenhöhe miteinander reden!

3 Kommentare zu: “Alt trinkt auch”

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    Constantin

    Mir geht das schon ewig auf die eier wenn lehrer ständig mit ihren super präventionsmassnahmen kommen und auf der klassenfahrt die ganze zeot so ne show abziehen von wegen: wer heimlich was trinkt muss mit dem zug auf eigene kosten zurück nach hause fahrn, und auf der abschlussfeier betrinken die sich wie die tiere, weil sie froh sind, uns endlich los zu sein. die sind doch nicht mehr normal.,
    vor allem: meinen die, das wir nach diesem ewigen nein-ihr-dürft-nicht-gejaule für immer aufhörn und nie wieder bier trinken??? eher sollten sich manche mal fragen, was sie selber falsch machen oder bei der erziehung ihrer kinder besser machen hätten können, anstatt sich nur die folgen anzuschauen und daran sind dann nur wir schuld. von wem haben „wir““ es denn??
    ahc ja, und geil, dass das ausgerechnet auf dieser Seite kommt, hätt ich euch garnicht zugetraut!!

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    Leonie

    Du sprichst mir aus der Seele! Wie lange gehen mir vermeindlich „erwachsene“ Menschen mit solchen Kommentaren zu meiner Alkoholkonsum schon auf die Nerven. Ich meine: Klar, sie haben mehr Lebenserfahrung als wir „jungen Hüpfer“ und kennen deshalb auch eventuell die Konsequenzen besser, aber was viele außer Acht lassen ist, dass Erfahrung nicht immer gleich bedeutet, dass man es besser weiß, man kann nämlich manche Sachen auch 40 Jahre lang falsch machen!

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    Marco

    Also, das Thema wirft einiges an Diskussionsstoff auf … Wenn wir „Alten“ meinen, dem jüngeren vorschreiben zu wollen, nicht zu viel zu trinken – dann sollte ein jeder erst Mal vor der eigenen Tür kehren, und sich prüfen, wieviel er oder sie selbst trinkt.

    Einerseits will man ja den jüngeren gerne mit Gutem Rat helfen, aber selbst danach zu tief in’s Glas schauen haftet da doch schon ein Zug von „Doppelmoral“ an. Sicherlich gibt es eine Vielzahl von jungen Bürgern, die bis kurz vor dem Koma sich einen reintanken; und nicht gerade wenig vertragen.

    Ich gehe allerdings mit diesem Thema sehr tolerant um, und kann meinem jüngeren Gegenüber lediglich meine Erfahrungen mitgeben wie es mir dabei ergeht, wenn ich einiges zu viel getrunken habe. Was er dann allerdings daraus macht, bleibt ihm selbst überlassen – und ich mische mich dann auch nicht in seinen „Trinkgewohnheiten“ ein.

    Selbst wir „alten“ überschätzen uns nicht selten, was die Trinkmengen angeht – was dann allerdings häufig zu Leichtsinn verführt, ohne das wir in solchen Momenten über die Konsequenzen danach im klaren sind. Ab einer gewissen Menge an getrunkenem Alkohol werden wir redseliger, euphorisch, hemmungslos und wenn nicht sogar leichtsinnig – wie das ja schon hinreichend bekannt ist, was die Wirkung vom Alkohol betrifft.

    Deswegen einfach Mal ein Apell sowohl an „jung“ und „alt“:
    Seid einfach tolerant zueinander, und tauscht Euch aus !!! – Teilt einfach miteinander Erfahrungen, was das Trinken angeht. Es lohnt sich immer !!!

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