Gustav

Helden der Nacht: Der Nachtbus-Fahrer

von Gustav am| 1 Kommentar

Ich hatte mir immer vorgenommen, sie zu bewundern. Für ihre anstrengende Arbeit, ihre Geduld, ihr Verständnis: die Busfahrer meiner Nachtlinie. Ich habe es aber nie geschafft.

Letztes Wochenende habe ich mir die Zeit genommen. Ich blieb nüchtern und bin einfach in die Nacht gefahren. Hinterste Reihe, über dem Motor. Ich hatte mir natürlich keinen journalistischen Fragenkatalog überlegt, sondern wollte Bus fahren und schauen, was kommt. Erstmal kam natürlich nichts.

Durch die Nacht

Die vorletzte Haltestelle. Die letzte Haltestelle. Ich bleibe sitzen. „Kein Zuhause?“, ruft der Busfahrer nach hinten. Alle anderen sind schon ausgestiegen. Ich sage, ich habe noch nicht genug vom Nachtbusfahren. Er sagt: „Ich fahr ins Depot. Kannst mitkommen.“ Auf den vordersten Plätzen ist es warm und ich kann mich besser mit ihm unterhalten.

„Heute ist’s bisher noch recht ruhig. Noch ist niemand verprügelt worden.“ Ob das denn oft geschehe, dass jemand verprügelt wird, frage ich ihn. „Weißt du“, sagt er, „nicht in meinem Bus. Ich scanne jeden, der hier vorne reinkommt. Das Ticket ist mir eigentlich egal. Ich stelle Augenkontakt mit den Leuten her, und manchen teile ich mit den Augenbrauen mit, dass hier drin kein Stress geschoben wird.“

Wir wechseln den Bus, der hier kommt in die Buswaschanlage, der neue ist ein etwas größerer Gelenkbus mit modernem Hybrid-Schnickschnack. Jonas und Mike sind die ersten, die hier einsteigen. Jonas und Mike haben kein Problem damit, dass ich sie hier namentlich erwähne. Die hatten aber auch kein Problem damit, halbnackt durch den Bus zu tanzen und laut irgendwelche Fußballlieder aus den späten Achzigern zu performen. Der Busfahrer hat mir an ihnen gezeigt, wie er das vorhin mit der Augenbraue gemeint hat. Und „Nein“, hat er gesagt, „Nein, Jonas und Mike, eine Zigarette habe ich für euch nicht. Nein, auch kein Feuer. Nein, jetzt setzt euch. Nein, ich will jetzt nicht mit euch f*****. Nein, Mann, jetzt fasst mich nicht an, und geht endlich nach hinten durch!“

Neunzig Prozent aller Fahrgäste seien betrunken, sagt der Busfahrer zu mir, als Jonas und Mike nach hinten durch gegangen sind, um an den Haltegriffen ihre Muskeln zu trainieren. Neunzig Prozent, das sei keine wissenschaftlich belegte Zahl, das sei „einfach die Wahrheit“.

Ob er sein Klientel mag, frage ich. „Nein“, sagt er, „ Nein – wenn mir hier zehn muskulöse Dynamo-Fans gröhlend die Inneneinrichtung auseinandernehmen . Nein – wenn eine 74-jährige Partygängerin, die auf dem Platz, wo du jetzt gerade sitzt, alte Volkslieder rülpst.“ Aber manchmal findet er sein Klientel auch ganz witzig und amüsiert sich mit ihnen.

Sobald sich einige dieser neunzig Prozent aber übergeben würden, sei für ihn der Spaß vorbei. „Glauben die, wir lassen uns hier dafür bezahlen, deren Kotze wegzuwischen? In den Bus zu reiern, das ist einfach unverschämt. Wir bringen die mitten in der Nacht, bei klirrender Kälte, zehnmal günstiger als mit einem Taxi nach Hause, und die kotzen uns in den Gang. Deshalb: Wer bei mir mehr als einen Liter rauswürgt, macht das alles wieder sauber.“

Er redet sich in Rage. Nach seinem Namen habe ich ihn ja noch gar nicht gefragt. Er ist 36, seit acht Jahren im Geschäft, hat eine Frau und zwei kleine Töchter.

Erbärmliche Stimmung ab zwei Uhr nachts

Dieser Bus bringt uns in den „gefährlichen Norden“ der Stadt. Dorthin, wo dem Klischee nach jede Nacht irgendwer ausgeraubt wird und der Döner weniger als zwei Euro kostet. Die Lichter der Stadt spiegeln sich in den großen Fensterscheiben. Ein bisschen müde bin ich schon. Es ist zwei Uhr nachts. Wenn man nüchtern ist, kommt einem die Nacht unheimlich lang vor und neunzig Prozent der Fahrgäste wie besoffene Idioten.

„Eh geil, guck ma!“, sagt einer zum anderen, glotzt und zeigt dabei auf eine junge Frau in der hintersten Reihe. „Wohaa, scharfe Titten!“, kommentiert der andere, die lauten Motorgeräusche übertönend, und leckt sich die Lippen. Wie unfassbar primitiv. Im Suff fallen die Hemmungen. Das macht keinen Spaß. Es hilft nur, die eigenen Blamagen nicht so wahrzunehmen. Die Frau schaut die Männer böse an. „Ich geb dir gleich mal scharfe Titten, Junge!?“ Sie schickt ein kleines Bäuerchen hinterher, mehr passiert nicht.

Es ist vier Uhr. Betriebsschluss. Ich habe viele neue Freunde gefunden (Mike hat sogar gesagt, wir wären jetzt Brüder). Ich habe erlebt, wie lächerlich Betrunkene für einen aussehen können, wenn man selber nichts getrunken hat. Deshalb, schlussfolgere ich, sind Nichtalkoholiker in der Saufrunde wohl nicht willkommen: Sie kriegen zu viel mit. Sie erinnern sich am nächsten Morgen. Ich habe in dieser Nacht erlebt, wie gelassen ein Busfahrer damit umgehen kann, das alles mitanzusehen. Dafür bewundere ich ihn. Aber ich bin auch meiner späteren Berufswahl per Ausschlussverfahren wieder ein Stückchen näher gekommen: Nachtbusfahrer werde ich nicht.

Ein Kommentar zu: ““Helden der Nacht: Der Nachtbus-Fahrer”

  1. Avatar

    Matthias

    Hallo !
    hast du echt gut geschrieben. Wollte gerade einen Job als Nachtbusfahrer annehmen.
    Ich kenn das Nachtleben zu genüge. (Bahnhofsreiniger) Allerdings betrachte ich den Job jetzt mit etwas anderen Augen. Aber ich werde den Job wohl trotzdem machen. Ich denke ,ich komm klar.
    Danke nochmal für deinen Tatsachenbericht. Hoffe nur das den auch mal andere Fahrgäste lesen.
    Mit freundlichem Gruß
    Matthias

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