Gustav

Was ist „cool“?

von Gustav am| 6 Kommentare

Meinen ersten Vollrausch hatte ich mit drei Jahren. Andere berichten stolz von diesem denkwürdigen Augenblick in ihrem Leben, ich dagegen rutsche immer gleich zwei Stühle tiefer, wenn bei einem Familienfest die alte Keule ausgegraben wird. Bei meinem ersten Absturz war ich „süß“ – geht es noch peinlicher?

Wenn ich mit meinen Freunden auf ein Bier zusammensitze und diese Geschichten ausgetauscht werden, schneide ich im Vergleich trotz meiner Rekordvollrauschgeschichte echt kurz ab. Ich bin im Vergleich „uncool“: Mein Absturz mit 3 war natürlich nur medikamentös bedingt, keine große Sache. Nach der Hustensaftaffäre war erstmal Pause – in der Pubertät war ich höchstens der, der seine Freunde nach Hause getragen hat.

Erwartet hier also keine Geständnisse, keine Top-Storys, keine Selbsthilfeberichte. Ich blogge hier weil ich merke, dass Alkohol im eigenen Leben ja doch einen gewissen Stellenwert hat, wenn man einmal anfängt, darüber nachzudenken.

Als Kind habe ich geschworen, nie Alkohol zu trinken, davon kann man schließlich süchtig werden, das soll man nicht machen. Und auch bis in die Pubertät war Bier einfach nur eklig, genau wie Kaffee und Sauerkraut. Irgendwann habe ich dann aber gelernt, wie man sich in einem Dorf am Rande des nördlichen Ruhrgebietes behauptet: Man geht mit seiner Truppe in eine verlassene Scheune zu einer Atz-atz-atzenparty, hört dort einen musikalisch schlechten Scherz in Dauerschleife, trinkt dazu erst Bier, danach puren Wodka und schwitzt sich bis zum Morgengrauen. Dann erlöst der Sonnenaufgang alle und man ist wieder einmal „cool“ gewesen. Zumindest reden sich die meisten das ein. Eigentlich war die Party schlecht und man selbst hat sich peinlich daneben benommen.

Weil ich das aber selten mitgemacht habe, gab es schnell so eine Art „Challenge“: Was, Gustav, kommt auch? Ich will den mal besoffen erleben! Im Rückblick sehe ich es als Kompliment, dass Gustav im Rausch eine Besonderheit blieb. Das nennen manche dann „spießig“. Andere: verantwortungsbewussten Umgang und Genuss.

Ich bin aber kein Moralprediger und trinke auch gern mal ein „Feierabendbier“. Zukünftig möchte ich hier unsere Bräuche mit Alkohol hinterfragen. Und weil ich es gerade erwähne: Macht das Bier den Feierabend? Sicher nicht! Aber woher kommt dieser für manche völlig selbstverständliche Brauch, dass man nach der Arbeit ein Bier trinkt? Im nächsten Blog mehr dazu.

6 Kommentare zu: “Was ist „cool“?”

  1. Avatar

    Tobi

    Die relativ naive Aufforderung: Kenn dein Limit. Ist einfacher Gesagt als umgesetzt:

    Es gibt die Möglichkeit (so hab ich’s gemacht) sich Party für Party an sein Limit heran zu tasten. Und aufhören, wenns am schönsten ist. Das klappt an den ersten Abenden gut, solange man den Erfahreneren Kumpels (und Kumpelinnen) ein nachdrückliches „Nö.“ erwidern kann. Heißer Tipp: sagt „Ich mach ’ne Pause“. Sagt das den ganzen Abend lang.
    Das birgt aber erstens die Gefahr, dass das „Nö“ langsam zu einem „Nnnaja.. Hmmm… .. ok.“ wird. (Ich denke die Wirkung Selbstüberschätzung ist irgendwo auf diesen Seiten schon beleuchtet.) Ja, das ist mir passiert, aber selten.
    Das birgt zweitens die Gefahr, dass man während des Abends erkennt, dass das Limit bereits überschritten ist. Ja, das ist mir passiert, aber selten.
    Zweiteres ist deutlich uncooler.

    Zweite Möglichkeit: Man kann, mit viel Selbstdisziplin, auch sein Limit recht grob schätzen. Und strikt darunter bleiben, da man ja nicht weiß, wie es mit der Selbstdisziplin jenseits des Limits ist.
    Das habe ich, ich komme aus der selben ländlichen Ecke, würde sie aber eher südliches Münsterland nennen, noch nicht erlebt. Schade, denn dass erfortert eine Konditionierung und Hingabe, wie sie in wenigen Bereichen erkennbar ist. Vergleichbar evtl. mit Fittnestraining. Warum gilt Fittness als cool Nüchternheit als uncool?

    Also woher sein Limit kennen?

    PS.: Gustav, ich hatte/habe nicht das Gefühl, dass du als uncool gegolten hast, eher als Special Guest. 😉

  2. Avatar

    Nemo

    Man geht mit seiner Truppe in eine verlassene Scheune zu einer Atz-atz-atzenparty, hört dort einen musikalisch schlechten Scherz in Dauerschleife, trinkt dazu erst Bier, danach puren Wodka und schwitzt sich bis zum Morgengrauen. Dann erlöst der Sonnenaufgang alle und man ist wieder einmal „cool“ gewesen.

    Tut mir Leid, genauso ist’s … und den Rest kann ich auch sehr gut nachvollziehen. Bin gespannt auf mehr von diesen Formulierungen!!! 😀

  3. Avatar

    Sam

    Meine Parties waren immer klasse, ich hing augenscheinlich mit Leuten rum die ich wirklich mochte und nicht nur, weil ich irgendwelche Freunde brauchte. Und auch wir tranken bis zum Sonnenaufgang, zogen überallhin und die Nacht gehörte ganz uns. Das waren unvergessliche Erlebnisse und ich würde immer und immer wieder so meine Jugend verbringen. Ich bin weder abgestürzt noch abhängig, heute rauche ich ab und zu einen Joint, trinke hin und wieder ein paar Bier… Und auch den Rest der Zeit lebe ich mein Leben in völliger Zufriedenheit und im Reinen mit mir selbst, dieser "Blog" und diese ganze Seite ist mit das Schlechteste was mir der Staat versucht anzudrehen und ich lese jeden Tag Zeitung.

  4. Avatar

    kdl-team

    Danke für Ihre Rückmeldung zur Kampagne Alkohol? Kenn dein Limit im allgemeinen und den Blog im besonderen. Die Mehrheit der Bevölkerung hat glücklicherweise kein Problem mit Alkohol. Aber rund 8,5 Millionen Menschen in Deutschland weisen einen problematischen Konsum auf, davon sind mehr als 1 Million abhängig. Außerdem führt überhöhter Alkoholkonsum oft zu Krankheits- und Todesfällen, zu Gewaltdelikten und Unfällen im Straßenverkehr mit Personenschaden und Todesfällen. Gerade bei Alkoholunfällen sind Jugendliche und junge Erwachsene stärker betroffen als andere Altersgruppen. Alkoholabhängigkeit entwickelt sich zwar mit steigendem Lebensalter, das Fundament dafür wird aber oft bereits im Jugendalter geschaffen.
    Für diese Zusammenhänge möchte die Kampagne sensibilisieren. Der Blog ist als Angebot gedacht, um Jugendliche zu dieser Thematik ins Gespräch zu bringen. Wir finden das Thema wichtig und freuen uns deshalb über die rege Beteiligung.

  5. Gustav

    Gustav

    Hallo Sam,

    schön zu lesen, dass es dir gut geht. Damit passt du ja voll ins Bild dieses Blogs: Es sich gut gehen zu lassen, dabei aber nicht im Krankenhaus zu landen, darauf kommt’s doch an! Wieso findest du, dieses Blog und kenn-dein-limit.info sei das „Schlechteste was dir der Staat versucht anzudrehen“? Die Texte spiegeln das wider, was wir Blogger von Alkohol halten; dabei geht es auf keinen Fall darum, irgendjemanden erziehen zu wollen oder euch den Spaß zu verbieten – geschweige denn, pauschal „weniger“ Alkohol trinken zu müssen! Schreib doch bitte, was dich stört, dann können wir beim nächsten Mal darauf eingehen!

    LG,
    Gustav

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.